Letztes Update am Mi, 04.03.2015 06:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zeitungskrieg in Israels Wahlkampf: Förderer und Gegner Netanyahus



Jerusalem (APA/AFP) - Der verbissene Wahlkampf in Israel vor der Parlamentswahl Mitte des Monats ist zugleich Bühne für eine publizistische Kraftprobe zweier Medienmagnaten. Der eine ist der größte Förderer von Regierungschef Benjamin Netanyahu, der andere gilt als hartnäckiger Gegner des konservativen Ministerpräsidenten.

In der rechten Ringecke findet sich der jüdisch-amerikanische Milliardär Sheldon Adelson. Er unterstützt Netanyahu seit 2007 mittels der Gratiszeitung „Israel Heute“, die vor dem Urnengang am 17. März stark für dessen Wiederwahl trommelt. Der 81-jährige Kasinomogul aus Las Vegas mit einem Vermögen von mehr als 30 Milliarden Dollar (rund 27 Mrd. Euro) ist auch einer der Hauptspender für Wahlkämpfe der Republikaner in den USA. Wochentags ist das Gratisblatt inzwischen die meistgelesene Zeitung im Land und hat damit einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung.

In der anderen Ringecke postiert sich Arnon Moses, 61 Jahre alt, ein israelischer Medienzar, dem die meistverkaufte Tageszeitung „Yedioth Ahronot“ und das verbundene Onlineportal „Ynet“ gehören. Er will eine vierte Amtszeit des aktuellen Regierungschefs unbedingt verhindern. Der Wahlausgang ist völlig offen.

Seit die Gratiszeitung „Israel Heute“ allmorgendlich massiv an Kreuzungen, Haltestellen und Einkaufszentren verteilt wird, hat Moses‘ Zeitung ihre jahrelange Führungsstellung in der Presselandschaft verloren. Während 39,3 Prozent der Zeitungsleser angeben, dass sie regelmäßig „Israel Heute“ zur Hand nehmen, dient 34,9 Prozent die „Yedioth Ahronot“ als bevorzugte Lektüre, wie eine aktuelle Erhebung ergab.

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„Zwischen den beiden Magnaten gibt es einen regelrechten Machtkampf, der sich auf wirtschaftlichem und politischem Feld abspielt“, erklärt dazu Amit Lavie-Dinur, Kommunikationswissenschaftler am Interdisziplinären Zentrum in Herzliya. Dieser habe sich zugespitzt, seit die „Yedioth Ahronot“ in den vergangenen Jahren eine sehr kritische Haltung zu Netanyahu einnahm.

Der Ministerpräsident hatte zuletzt selbst heftig in der Auseinandersetzung der beiden Pressehäuser mitgemischt, indem er wiederholt Arnon Moses bezichtigte, er sei „das Hirn“ hinter einer „Verleumdungskampagne“ gegen seine Frau Sara. Damit bezog er sich auf Enthüllungen verschiedenster Medien in Israel über den Lebensstil seiner Ehefrau und ihren Umgang mit öffentlichen Geldmitteln.

„Die Ziele dieses Geschäftsmannes, dessen langer Arm in die Medien reicht, sind, die von mir geführte Likud-Regierung zu Fall zu bringen, das Ende von ‚Israel Heute‘ herbeizuführen und die Kontrolle der ‚Yedioth Ahronot‘ im Printsektor wiederherzustellen“, schrieb Netanyahu Mitte Februar im Sozialnetzwerk Facebook. Das veranlasste Nachum Barnea, den Chefkommentator der angegriffenen Zeitung, zu einer scharfen Replik: Der Regierungschef leide an „Verfolgungswahn“ und solle besser „eine psychiatrische Abteilung aufsuchen“.

Verleger Moses selbst hielt sich dagegen vornehm zurück. Sein Einfluss war aber schon im November im Parlament zu spüren, als dort gegen den erbitterten Widerstand der Likud-Fraktion eine Gesetzesinitiative eingebracht wurde, die eine Gratisverteilung der „Israel Heute“ künftig unterbinden würde. Das „Bibiblatt“, wie es in Anlehnung an Netanyahus Spitznamen allgemein genannt wird, beschuldigte Moses, hinter dem Entwurf zu stehen, der eine erste Abstimmung glatt passierte.

Auch viele Abgeordnete der Koalitionspartner stimmten für das Gesetz. Wirtschaftsminister Naftali Bennett und Außenminister Avigdor Lieberman, beide politisch rechts von Netanyahu beheimatet, verglichen die Rolle von „Israel Heute“ mit der „Prawda“ zu Sowjetzeiten.

Die Abstimmung im Parlament brachte den Regierungschef offenbar so auf die Palme, dass viele Beobachter einen Einfluss auf seine Entscheidung sehen, Anfang Dezember eine Regierungskrise herbeizuführen und vorgezogene Neuwahlen zu provozieren. Der altgedienter Knesset-Korrespondent Yossi Verter, schrieb sogar: „Bis zum Beweis des Gegenteils müssen wir folgern, dass Netanyahu dem Land unnötige Wahlen aufzwang, nur um die Zeitung zu retten.“




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