Letztes Update am Fr, 06.03.2015 07:27

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Herb: „Das Gemeindekind“ als Singspiel im Schauspielhaus Wien



Wien (APA) - Der 1887 erschienene Roman „Das Gemeindekind“ hat die neue, vierbändige „Leseausgabe“ von Marie von Ebner-Eschenbach eröffnet. Ob auch der am Schauspielhaus Wien unternommene Versuch, zentrale Motive des Buchs in ein heutiges Singspiel zu transferieren, zur Renaissance der aus der Mode gekommenen Grande Dame der heimischen Literatur beitragen kann, ist fraglich. Der Abend ist kurz, aber herb.

Das Original erzählte eine 1860 bis 1870 spielende Geschichte aus der mährischen Provinz, in der sich eine Gemeinde um die beiden Kinder eines wegen Raubmordes gehenkten Mannes und seiner wegen Beihilfe zu Zuchthaus verurteilten Frau kümmern muss. In der vom Schauspielhaus beauftragten und gestern uraufgeführten Neubearbeitung von Autorin Anne Habermehl und Komponist Gerald Resch als „Singspiel für fünf Sänger und fünf Instrumente“ bleibt vor allem eine Außenseiterparabel um den 15-jährigen Pavel übrig.

Pavel, der als Pflegekind zwei Frauen aus dem Dorf (Katja Jung und Barbara Horvath) dank Sozialhilfe zu einem Zusatzeinkommen verhelfen soll und nicht nur mit Sätzen wie „Ich bin der König des leeren Kinos“ Rätsel aufgibt, wird von Thiemo Strutzenberger mit größter Zurückhaltung und Widerborstigkeit als verlorenes und verstörtes großes Kind auf den mit Erde bedeckten Bühnenboden hingestellt.

Der Neugier und den Anfeindungen der übrigen Ortsjugend (Florian von Manteuffel und Franziska Hackl) ist er ausgesetzt wie wohl jeder andere, der neu in eine Gemeinschaft dazustößt. Ungewöhnlich jedoch, dass er plötzlich über viel Bares zu verfügen scheint und davon redet, als Stricher in einer nahen Bar den Arsch hinzuhalten. Geld gibt nämlich ein gutes Gefühl, und das vom begehrten Mädchen gewünschte „Wischhandy“ ließe sich damit auch kaufen. Aber ist das alles überhaupt wahr oder von Pavel doch nur erfunden?

Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch hat über die Erde nüchterne Neonröhren gehängt, um ja kein allzu intensives Gefühl eines sozialkritischen Realismus aufkommen zu lassen, und auch Regisseur Rudolf Frey scheut das identifikatorische Spiel. Doch die Gemütlichkeit hat in der Partitur des Linzer Komponisten Gerald Resch ohnedies keine Chance.

Musiker des Ensemble Phace bieten auf E-Gitarre, Klarinette, Kontrabass, Akkordeon und Klavier den bewusst holprigen musikalischen Untergrund für das modellhafte Geschehen, in dem manche gesungene Passagen einen Fantasieraum öffnen: „Ich will das Land zurück“, singt die Schar der Unterprivilegierten im Kanon, „Das in Scherben zerfallende Land.“

In solchen Momenten ärgert man sich über die strikte Bilderverweigerung dieser Uraufführung, und man beginnt sich vorzustellen, zu welchem anderen Leben „Das Gemeindekind“ möglicherweise erwachen könnte, wenn sich Pflegeeltern mit mehr szenischer Fantasie (und vielleicht mehr Ausstattungsbudget) seiner annehmen würden. Vielleicht bekommt es ja doch auch anderswo einen Pflegeplatz. Und damit eine zweite Chance...

(S E R V I C E - „Das Gemeindekind“ von Anne Habermehl (Libretto) und Gerald Resch (Komposition). Ein Singspiel für fünf Sänger und fünf Instrumente nach dem gleichnamigen Roman von Marie von Ebner-Eschenbach, Regie: Rudolf Frey, Bühne: Vincent Mesnaritsch, Kostüme: Elke Gattinger, Musikalische Leitung: Mathilde Hoursiangou; Mit: Franziska Hackl, Barbara Horvath, Katja Jung, Florian von Manteuffel und Thiemo Strutzenberger, Bühnenmusiker: Ensemble PHACE, Uraufführung im Schauspielhaus Wien, Nächste Vorstellungen: 6., 20., 21., 31.3., 1., 10., 11.4., 20 Uhr, Karten: 01 / 317 01 01 18, www.schauspielhaus.at)

(B I L D A V I S O - Pressebilder stehen im Pressebereich von www.schauspielhaus.at zum Download bereit.)




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