Letztes Update am Mi, 01.04.2015 09:26

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Haus der Geschichte: Viele Gigabytes statt Kampf um Quadratmeter



Wien (APA) - Die Neue Burg ist mit zahlreichen Institutionen ein Fixpunkt der österreichischen Museumslandschaft. Demnächst soll ein „Haus der Geschichte“ dazukommen. Martin Fritz, der das Feld in einem Projekt erforscht, begrüßt die Pläne. Mit seiner „Online-Enquete“ stieß er eine Diskussion unter Experten an. Ein Neubau „als Störfaktor“ scheint ihm zwar sinnvoller, historisch mache der Standort jedoch Sinn.

„Extrem unglücklich“ findet der Publizist, der die historische Museumsnutzung in der Neuen Burg auch bereits der Rathkolb-Kommission vorstellte, die Optik, dass das Haus der Geschichte zulasten des Weltmuseums, dessen Redimensionierung zeitgleich kommuniziert wurde, entstehen würde. Dabei gehören laut Fritz beide Häuser „zu den vernachlässigten Feldern des österreichischen Museumswesens“, wie er im Gespräch mit der APA sagte. Beide Museen seien „große Baustellen oder Leerstellen der Wiener Großmuseumslandschaft“.

Die Standortfrage betrachtet Fritz im Gegensatz zu einigen Kritikern jedoch pragmatisch: „Man kann die derzeitigen Pläne entweder mit einem fiktiven Idealzustand oder eben mit dem Status quo vergleichen.“ Ideal empfände er einen Neubau eines Zeitgeschichte-Kompetenzzentrums gegenüber des Corps de Logis auf der jetzigen „Hundewiese“, „wo ja schon im frühen 20. Jahrhundert als letzter Teil des Kaiserforums ein Museumsstandort vorgesehen war“, so Fritz. Die Räume in der Neuen Hofburg seien museologisch „nicht ideal, aber man kann auch da was Besseres machen als jetzt“, zeigt er sich optimistisch.

Die Neue Burg sei während des gesamten 20. Jahrhunderts ein Provisorium gewesen. „Möglichkeiten und Notwendigkeiten, das zu verändern, kann ich gut nachvollziehen. Der Hofburgtrakt muss ja nicht auf alle Ewigkeit mit Waffen und Ausgrabungen und alten Instrumenten befüllt sein.“ Angesprochen auf die Signalwirkung, die österreichische Zeitgeschichte in dem historischen Gebäude aufzuarbeiten, meint Fritz trocken: „Was hat es denn jetzt für eine Signalwirkung, dass in der Neuen Burg vor allem Dinge untergebracht sind, die sehr wenig wahrgenommen werden?“

Darüber hinaus sei das Hofburgareal „mehr als Schauplatz zu sehen denn als Ausstellungsort“, weshalb sich der Standort durchaus für ein Geschichtsmuseum eigne. „Es stellt sich nur die Frage, wie viel im Haus sein muss und wo man draußen einen Störfaktor braucht, etwa eine Führung zum ÖVP-Parlamentsklub zum Dollfuß-Porträt“, sinnierte Fritz über mögliche Aktivitäten über den Ausstellungsbetrieb hinaus.

Die bisherige stiefmütterliche Behandlung der Zeitgeschichte im Museumswesen könne man historisch erklären: „All das, was nicht als habsburgische Sammlung an die Republik gekommen ist, ist heute schwach vertreten. Wir haben primär dort eine starke Museumslandschaft, wo 1918 kaiserliche Sammlungen übernommen wurden. Und offensichtlich hatte man im 20. Jahrhundert etwas anderes zu tun, als die eigene Geschichte zu bearbeiten.“ In den vergangenen Jahren sei der Plan für ein „Haus der Geschichte“ dann von einer „kritischen Museologie“ eingeholt worden: „Es stellte sich zunehmend die Frage, ob die Form von starrer Institution, die nationale Geschichte reflektiert, noch zeitgemäß ist.“

Als Organisationsstruktur empfände Fritz eine „autonome Organisation, die vergleichbar mit anderen Bundesmuseen agieren kann“, als empfehlenswert. Jedoch sei Vernetzung auch hier das Um und Auf, schließlich gebe es zahlreiche Institutionen, die Zeitgeschichte-Aspekte ohnehin bearbeiten; etwa das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes oder die Zeitgeschichte-Institute der Universitäten. „Es gibt viele Akteure, die zu Recht darauf Wert legen, dass nicht ein neuer Monolith etwas monopolisiert, was bereits auf so vielen Ebenen ohnehin passiert, aber kein Zentrum hat.“

Wichtig sei in jedem Fall, die eigene Geschichte nicht als rein nationale Angelegenheit zu sehen. Es gehe um das Bewusstsein, „dass es in Istanbul eine andere Perspektive auf die österreichische Geschichte gibt als in Kiew und London und Moskau. Und das ist keine Platzfrage, sondern eine Methodenfrage. Man braucht nicht für alles Quadratmeter, sondern vielleicht mehr Gigabytes, gute Stadtführungen und Vortragende.“

Fritz, der sich im Rahmen eines vom FWF geförderten Forschungsprojekts derzeit ausführlich mit der Vergangenheit der Hofburg auseinandersetzt, plädiert für einen umfassenderen Blick in die Zukunft. Positiv sei, dass man nun „einen größeren Zusammenhang“ untersuche, wo sich der Beirat auch mit den Themen Tiefspeicher und Heldenplatz auseinandersetzt. „Idealerweise sollte man auch den Maria-Theresien-Platz dazunehmen und auch nicht vergessen, dass das Museumsquartier ein Projekt ist, das sich auch wieder mal verändern könnte.“ Fritz sieht mit dem Haus der Geschichte die Gelegenheit, einen „Bezugsraum“ zu öffnen. „Man muss ja nicht alles gleich bauen, aber man kann schauen, wie die Teile zueinanderstehen. Wenn man schon mal anfängt, sich das alles anzusehen, soll man nicht zu früh damit wieder aufhören.“

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)




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