Letztes Update am Di, 14.04.2015 00:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Ungelöste armenische Frage bis heute Problem für Türkei“



Wien (APA) - Karin Karakasli, Ko-Chefredakteurin der türkisch-armenischen Wochenzeitung „AGOS“, sieht eine enge Verbindung zwischen der Verleugnung des Völkermordes an den Armeniern inklusive dessen fehlende Aufarbeitung und Konflikten wie der Kurden-Frage in der späteren Geschichte der Türkei. „Die Geschichte wiederholte sich, weil niemand büßen musste“, sagte sie am Montag im APA-Gespräch in Wien.

Die zweisprachige „AGOS“ versucht die Auseinandersetzung mit der blutigen Vergangenheit und spricht den „Völkermord“, den Ankara entgegen der Meinung eines Großteils der Historiker abstreitet, klar an. Ihr früherer Chefredakteur Hrant Dink, der in Absicht eines Versöhnungsprozesses zunächst mit der Präsentation historischer Fakten begann, bezahlte dafür mit dem Leben: Er wurde 2007 von einem Ultranationalisten erschossen. Die Hintergründe der Tat sind ungeklärt. Sie beschäftigen die türkische Justiz bis heute. Es gibt Hinweise auf eine Verschwörung, in die auch der Staatsapparat verwickelt sein könnte.

Für Karakasli zeigt die Ermordung Dinks einerseits, dass sich die Geschichte fortsetzt: Wie beim Völkermord übernehme auch für das Attentat niemand die politische Verantwortung. Auch Gewaltakte gegen Aleviten, der Umgang mit der Kurden-Frage, die Unterstützung für den Verbündeten Aserbaidschan im armenisch-aserbaidschanischen Konflikt um die Region Berg-Karabach oder dass die von Militärputschen unterbrochene Demokratie in der Türkei so „empfindlich“ sei, habe mit dem Leugnen und Verschweigen des Genozids an den Armeniern zu tun. „Die armenische Frage ist nicht nur ein Problem der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart.“

Zugleich habe der Mord an Dink aber einen Prozess des Nachdenkens und der Solidarisierung in der türkischen Bevölkerung - Zehntausende waren aus Empörung zur Trauerfeier des Journalisten gekommen - in Gang gesetzt. „Die Gesellschaft ist heute offener, stellt Fragen, ist diskussionsbereit.“

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Die türkischen Regierungen haben sich bis heute in punkto Anerkennung des Völkermordes dagegen nicht bewegt. Karakasli führt das auf die Fundamente der türkischen Republik zurück: „Die Republik gründet auf der offiziellen türkischen Identität, und diese besteht darin, nicht-christlich und nicht-armenisch oder einer anderen Minderheit zugehörig zu sein. Das ist Staatspolitik.“ Deshalb sei ein Kurswechsel der Staatsführung auch so schwierig. „Es ist schwierig jetzt zu sagen, all das war eine Lüge, die Wahrheit ist anders.“ An eine Destabilisierung der Türkei durch ein Bekenntnis zum Völkermord glaubt Karakasli aber nicht: „Wir können sehr wohl mit der Wahrheit weiterleben.“

Unterdessen gehe die Indoktrinierung in den Schulbüchern freilich weiter. Als Armenier könne man in der Türkei ruhig leben, „solange du ein guter Bürger bist“, sagte Karakasli. Man bekomme seine Identität als Minderheiten-Angehöriger allerdings zu spüren, wenn man sich in die Opposition begebe und so als Armenier oder als Kurde „politisch sichtbar wird“. Und die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan übe sich in „Ablenkungsmanövern“. So hat Ankara zeitgleich mit dem weltweiten Gedenken an den Völkermord vor 100 Jahren ein Gedenken an die Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg anberaumt.

Die 1972 in Istanbul geborene Karakasli glaubt, dass deutliche Botschaften von außen, wie die Einstufung der Massaker an den Armeniern als Völkermord, wie es Parlamente oder der Papst getan haben, und die nach dem Mord an Hrant Dink entstandene „Innendynamik“ für einen großen Schritt Richtung Geschichtsaufarbeitung „von entscheidender Bedeutung“ sind. Die Vergangenheitsbewältigung könnte dann auch die Lösung aktueller Konflikte nach sich ziehen.

Umgekehrt könnte laut Karakasli die Lösung von heutigen Problemen die Auseinandersetzung mit den Gräueltaten von 1915-18 anstoßen - etwa die faire und lückenlose Aufklärung des Dink-Attentats, denn: „Wenn ich in der Gegenwart etwas gerecht löse, kann ich erwarten, dass man sich auch gerecht mit der Geschichte auseinandersetzt.“

Karakasli will zum Völkermord-Gedenken an einer Versammlung am Sonntag auf dem Taksim-Platz in Istanbul teilnehmen. Auch an für den Völkermord symbolischen Orten in Anatolien, u.a. in Diyarbakir, werde es Zusammenkünfte geben. Das armenische Patriarchat in Istanbul, wo die meisten der rund 60.000 Armenier in der Türkei heute leben, habe sich aus einem „Schutzreflex“ vom weltweiten Gedenken distanziert und erinnere am 24. April nicht an den Völkermord - „das ist zu riskant“ - sondern offiziell an die Toten des Ersten Weltkriegs im Allgemeinen. Dazu würden auch viele Armenier aus der großen Diaspora-Gemeinde erwartet.

(Das Gespräch führte Martin Richter/APA)




Kommentieren