Letztes Update am Do, 23.04.2015 22:36

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Armenien-Experte: Absage an Ankaras Wunsch nach Historikerkommission



Wien (APA) - Keinen Sinn sieht der Schweizer Historiker Dominik J. Schaller in der Forderung der Türkei, zur Beurteilung der Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren eine Historikerkommission einzusetzen. „Geschichte kann nicht verhandelt werden, sie muss erforscht werden“, sagte Schaller am Donnerstagabend in Wien.

„Was sollte eine solche Kommission bewirken? Einen politischen Kompromiss zu finden? So funktioniert Geschichtsforschung nicht“, erklärte der Schweizer Genozidforscher, der an der Universität Heidelberg lehrt.

In seinem Vortrag ging Schaller der Frage nach, warum sich die Türkei immer noch gegen den Tatbestand des Völkermordes sträubt, der von Zeitzeugen ebenso wie von Historikern als erwiesen angesehen wird. „Die Türken spielen auf Zeit“, ergänzte Schaller auf APA-Nachfrage. Er verwies auf den Umstand, dass es schon mehrere Ansätze zu Historikerkommissionen gab, die alle scheiterten. „Das ist eine Taktik.“

Solche Kommissionen seien nur zur Erforschung spezifischer Kapitel sinnvoll und dürften keinen politischen Weisungen unterliegen. Vollständig erforscht sei auch der Holocaust an den Juden nicht. Zugang zu osmanischen Archiven gebe es für Historiker schon, erläuterte Schaller. Allerdings seien viele Akten vernichtet worden.

Der österreichische Armenien-Experte Martin Bitschnau ergänzte, zwei Mal seien die Osmanen-Archive gesäubert worden - 1919 im Zusammenhang mit Kriegsverbrecherprozessen gegen die für den Genozid verantwortlichen führenden Jungtürken und in den 80er Jahren im Auftrag von Staatspräsident Süleyman Demirel. Dies sei durch Zeugen belegt. Das Militärarchiv bleibe Historikern verschlossen.

Als gute Quellen dienen auch Zeitungsarchive von damals, sind sich Schaller und Bitschnau einig. Eine Genozid-Definition gestaltet sich laut Schaller oft als schwierig. Es gehe um Vorsätzlichkeit und um Massengewalt im Zuge eines Radikalisierungsprozesses. Das Tribunal gegen die Kriegsverbrecher habe in der Nachkriegs-Türkei nicht funktioniert, dennoch habe es als Vorbild für die Nürnberger Prozesse gedient.

Etliche Forscher stellten auch hinsichtlich der Völkermord-Methoden Vergleiche zwischen Jungtürken und Nationalsozialisten an. Andere sähen eine solche Vorgangsweise im Kontext mit „nation-building“, um so einen homogenen Nationalstaat zu schaffen. Die politischen Umständen von damals schilderte der Genozidforscher, der auch als Berater für UNO in Genf tätig war, mit den Worten: „Das Osmanische Reich stand politisch am Abgrund.“ Das jungtürkische „Triumvirat“ Enver, Talaat und Cemal Pascha wollte einen homogenen islamisch-türkischen Staat schaffen.

Nationalismus und europäischer Imperialismus spielten ebenso eine Rolle wie ökonomische Aspekte. Viele Balkan-Flüchtlinge wurden angesiedelt, der reiche armenische Besitz enteignet. Nach der Niederlage an der Kaukasus-Front wurden die Armenier zu pro-russischen Verrätern gestempelt. Durch christliche Missionierungstätigkeit in abgelegenen Siedlungsgebieten, die sich positiv im Bildungs- und Gesundheitswesen auswirkte, bildete sich eine Art nationale Identität unter den Armeniern.

Eine „philarmenische Bewegung“ in Europa und den USA führte aber auch zu einer Instrumentalisierung der armenischen Frage durch die Großmächte, sagte Schaller. Dadurch kamen die Armenier in den Ruf, eine Fünfte Kolonne ausländischer Mächte zu sein. Die Jungtürken verfolgten das Ziel der „Wiederherstellung der Souveränität des Osmanen-Reiches“.

Die erste Deportation fand im April 1915 statt, es kam zum armenischen Aufstand in Van. Ab 23./24. April wurde die Vernichtungspolitik systematisiert. Schaller zitierte Zeitzeugen, die über die Todesmärsche berichteten mit dem Ziel, die Armenier in der Wüste verhungern zu lassen. Die Opferzahl werde in verschiedenen Quellen mit 800.000 bis 1,3 Millionen angegeben.

100.000 bis 200.000 armenische Frauen und Kinder seien zwangskonvertiert und in muslimische Familien gezwungen worden. Zum Vergleich: 1914 habe der Anteil der Armenier im Osmanischen Reich fast 20 Prozent betragen, 2007 nur mehr 0,2 Prozent. Zusammenfassend meinte der Historiker, habe man früher von einem „vergessenen Völkermord“ gesprochen, so sei die Armenier-Frage jetzt weltweit „ein Politikum“ geworden. Er erinnerte daran, dass die Völkermord-Frage gerade für die Armenier in der Diaspora eng mit ihrer Identität verknüpft ist.

Die post-sowjetische Republik Armenien hatte bei der Unabhängigwerdung andere Prioritäten gehabt. Der Forscher wies auch darauf hin, dass in der türkischen Zivilgesellschaft heute puncto Geschichtswahrnehmung ein großer Wandel stattfinde. Er warnte vor zu großem Druck von außen auf die Türkei.

Der Vortrag zum Thema „Zwischen Traum und Leugnung“ über den Völkermord an den Armeniern fand im Rahmen der Simon Wiesenthal Lectures statt. Bela Rasky vom Wiener Wissenschaftlichen Institut für Holocaust-Studien begrüßte eingangs die Erklärung des Parlaments, das die Massaker als Völkermord anerkennt.




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