Letztes Update am Di, 16.10.2012 07:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Tiroler Exil-Syrer: „Es könnte auch meine Familie treffen“

Ayad Shihab lebt seit 17 Jahren in Innsbruck, vor kurzem gründete er den Verein „Syrisches Hilfswerk“. Im TT-Interview erklärt er wie die Angstpolitik des Assad-Regimes funktioniert, warum er gegen eine militärische Intervention von außen ist und weshalb auch Exil-Oppositionelle in Gefahr sind.

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Herr Shihab, erzählen Sie kurz, was Sie nach Tirol geführt hat ...

Ayad Shihab: 1986 kam ich mit meiner Familie zum Urlaub nach Tirol. Ich war damals zehn Jahre alt. Meinem älteren Bruder hat die Natur so gut gefallen, dass er unbedingt hier leben wollte. Nach dem Golfkrieg zog er nach Innsbruck und ich bin ihm 1995 gefolgt. Nachdem ich die Matura nachholte, wurde ich zum Medizinstudium zugelassen.

Im März 2011 begannen die ersten Proteste in Syrien. Haben Sie damit gerechnet, dass die Lage derart eskalieren könnte?

Shihab: Mich hat es schon sehr verwundert, dass sich die Leute überhaupt zu protestieren trauen. Für einen Witz über Assad konnte man schon umgebracht werden. Dass die Regierung so hart reagieren würde, war deshalb abzusehen.

Sie haben dort Verwandte und Freunde. Wie geht es ihnen? Haben Sie häufig Kontakt?

Shihab: Meine engere Verwandtschaft ist zum Glück außer Landes, aber ich habe einige Cousins und Freunde in Damaskus und Aleppo. Früher hatte ich wenig Kontakt zu diesen Leuten, aber seit dem Ausbruch der Gewalt, versuche ich so viel wie möglich über die Lage vor Ort zu erfahren. Soziale Netzwerke wie Facebook sind hier ein gutes Mittel. Zudem telefoniere ich wöchentlich mit meinen Schulfreunden. Ich habe einen Freund, der bereits viermal mit seiner Familie umziehen musste, weil die Kriegsgebiete sich immer weiter ausdehnen.

Ihre Landsleute kämpfen gerade für die Befreiung von diesem brutalen Regime und Sie schauen aus der Ferne zu. Was fühlen Sie dabei?

Shihab: Die Gefühle sind gemischt. Einerseits habe ich selbst Familie und fühle mich wohl in Innsbruck. Deshalb bin ich froh, dass ich nicht dort bin. Aber ich bin mit viel Nationalstolz aufgewachsen und habe irgendwo auch ein schlechtes Gewissen, dass ich meinen Leuten nicht vor Ort beistehen kann. Wenn ich dort wäre, würde ich jetzt auch protestieren.

Ich habe vor kurzem den Verein „Syrisches Hilfswerk“ gegründet. Wir wollen Spenden sammeln und Aktionen veranstalten. Ich und ein einige andere Exilsyrer senden schon länger Geld über Umwege nach Syrien. Wir schicken es in den Libanon oder Jordanien zu Freunden, die dort Geschäfte haben. Diese schmuggeln das Geld dann nach Syrien und versuchen es an die Leute zu verteilen. Es beruhigt mein Gewissen etwas, dass ich zumindest auf diese Weise helfen kann.

Was kann jeder einzelne hierzulande tun, um zu helfen?

Shihab: Je nachdem wie sehr man sich darauf einlassen will. Aber das beste Mittel sind sicher Spenden um Lebensmittel, Medikamente oder Verbandsmaterial kaufen zu können. Wir haben dafür ein Spendenkonto eingerichtet. Aber ich habe auch einige Aktivitäten und Vorträge geplant. Zudem will ich einen Kerzenmarsch durch Innsbruck veranstalten. Wer interessiert ist etwas mehr zu erfahren und mitzudiskutieren ist immer willkommen.

Das Problem ist, dass offizielle Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz nur bedingt ins Land gelassen werden. Ihr Geld wird vorwiegend zur Versorgung der Flüchtlinge außer Landes genutzt, was natürlich auch sehr wichtig ist. Aber am dringendsten benötigen jene Hilfe, die tagtäglich der Kriegssituation ausgesetzt sind.

Das Regime hat auch in Europa seine Verbindungsmänner. Haben Sie Angst davor, dass Sie aufgrund ihrer Unterstützung für die Rebellen in deren Visier geraten könnten?

Shihab: Klar, es könnte auch meine Familie treffen. Auf der ganzen Welt kannst du nicht deine wahre Meinung über das Regime sagen, das ist die Politik der Angstmacherei. Es gibt viele freiwillige Geheimdienstleute, die für kleine Gefallen ihre Leute verraten. Du kannst zum Teil deinem eigenen Bruder nicht trauen. Jeder schaut nur auf seinen eigenen Vorteil.

Und es kommt nicht so selten vor, dass etwas passiert. In Innsbruck gibt es nicht sehr viele Syrer, aber wenn einer neu kommt, traut man ihm nicht sofort. Es könnte ja ein Regimespitzel sein. In großen Städten wie Wien gibt es Hunderte Syrer. Da gibt es immer Freiwillige, die für die Regierung arbeiten. Das Regime durchforstet auch das Internet nach Aufrührern. Bei der Einreise nach Syrien wird mit der Passkontrolle auch eine Facebook-Kontrolle durchgeführt. Wenn du ihnen dein Passwort nicht gibst, bekommst du Probleme.

Zurück zur aktuellen politischen Lage: Wären Sie für einen Militäreinsatz von außerhalb? Oder schaffen es die Rebellen ohne Hilfe?

Shihab: Ich bin auf keinen Fall für einen solchen Eingriff, wir haben am Beispiel Irak gesehen was das anrichten kann. Ich bin aber dafür, eine Flugverbotszone wie in Libyen einzurichten. Das ist der Schlüssel, den die Rebellen für einen Sieg brauchen. Sie reißen schon jetzt Städte an sich, aber die Luftangriffe schlagen sie immer wieder zurück. Wenn eine Flugverbotszone kommt, könnte der Krieg innerhalb von wenigen Wochen entschieden sein. Sonst wird es wohl noch Jahre dauern. Das große Problem sind die Russen. Syrien ist ihre einzige Militärbasis in dem Raum, die werden sie nicht so leicht aufgeben. Und die Amerikaner werden es nicht riskieren, wegen Syrien Probleme mit Russland zu bekommen. Öl gibt es in Syrien auch nicht mehr so viel.

Glauben Sie, dass die Türkei nach den jüngsten Entwicklungen in den Konflikt hineingezogen werden könnte?

Shihab: Der Abschuss eines türkischen Kampfjets durch Syrien, bedeutete bereits einen Gesichtsverlust für die Regierung in Ankara. Nach dem Granatenangriff waren die Türken endgültig gezwungen zurückzuschlagen. Ich glaube aber, dass die Türkei kein Interesse an einem Krieg hat. Dies könnte die sehr gute wirtschaftliche Lage des Landes gefährden. Auch die NATO hat kein Geld, um solch einen Krieg zu unterstützen.

Zahlreiche Deserteure der syrischen Armee suchen Unterschlupf in der Türkei. Wie schwierig ist es für Soldaten zu flüchten?

Shihab: Die Desertierungen laufen nicht spontan, sondern müssen von langer Hand geplant werden. Zuerst müssen die Familien in Sicherheit gebracht werden. Es kommt nicht selten vor, dass Angehörige von Regimegegnern auf brutalste Weise getötet und die zerstückelten Leichen zurückgebracht werden. Oder sie vergewaltigen zur Strafe ein anderes Familienmitglied. Diese Abschreckungsmethoden halten viele Soldaten davon ab, zu desertieren. Besonders skrupellos sind die Shabiha-Milizen. Das sind Verbrecher, die aus Gefängnissen geholt und von der Regierung bewaffnet werden. Sie bekommen 200 Dollar pro Woche, dafür dass sie ihre eigenen Leute abschlachten.

Was glauben Sie, wie sich das Land nach einem möglichen Sturz Assads entwickeln könnte?

Shihab: Viele Leute haben Angst vor Islamisten, aber ich denke es kann nur besser werden. Und wenn die Islamisten demokratisch gewählt werden, soll man sie auf die Probe stellen. Im Westen werden Islamisten oft mit Radikalismus in Verbindung gebracht, man müsste hier viel stärker differenzieren. Der Großteil der Islamisten ist gemäßigt. Es hat nichts mit der Religion zu tun, ob jemand terroristisch oder korrupt veranlagt ist.

Aber gibt es eigentlich konkrete Pläne der Rebellengruppen für eine Post-Assad-Ära?

Shihab: Nein, die gibt es überhaupt nicht. Das Problem ist die Kommunikation. In Aleppo sind andere Gruppen, wie in Damaskus oder in Idlib. Wenn sie mit Handys oder Satellitentelefonen kommunizieren, werden sie sofort aufgespürt. In 30 Minuten schlägt dann eine Rakete an der Stelle ein, an der sie sich befanden. Aber sie sind sich einig, dass das Regime gestürzt werden muss. Und das reicht. Ich glaube auch nicht, dass man damals Andreas Hofer gefragt hat: ‚Was sind deine Pläne für danach‘. Das Wichtige ist, dass wir endlich die Kultur der Angst beenden. Und das kann nur gelingen, wenn diese Führung weg ist.

Was halten die Aufständischen vom Syrischen Nationalrat, der vom Exil aus Zukunftspläne schmiedet?

Shihab: Nicht viel. Jeder der in Syrien lebt und für Freiheit kämpft hat das Recht danach an die Macht zu kommen. Ich finde nicht angebracht, dass diese Leute von außen kommen. Denn die wollen sich vor allem präsentieren. Auch hochrangige Deserteure der Armee, die ins Ausland flüchten, sollten keinen Platz in einer zukünftigen Regierung haben. Das sind Menschen, die zuerst gegen ihr Volk vorgehen und abhauen, wenn es brenzlig wird.

Denken Sie, dass eine Versöhnung der verschiedenen Religionsgruppen überhaupt möglich sein kann?

Shihab: Das syrische Volk hat nichts gegen die Alawiten (Anm. Assads Religionsgruppe) im Allgemeinen, sondern nur gegen die Leute die für die Regierung arbeiten. Die besteht aber nicht nur aus Alawiten, sondern auch aus Sunniten und Christen. Es gibt natürlich Leute die mittlerweile gegen die Alawiten sind, denen es reicht. Aber ich habe auch einige alawitische Freunde, die gegen die Regierung sind.

Das heißt, die Gräben zwischen den Religionsgruppen sind gar nicht so tief, wie häufig dargestellt?

Shihab: Richtig! Das Regime hat immer schon versucht, einen Keil zwischen die Religionsgruppen zu treiben. Sie versuchen den Menschen Angst zu machen und die Angstpolitik ist die stärkste. Aber ich denke, die Syrer sind doch vernünftiger. Und bisher haben sie auch bewiesen, dass sie über dieser Sache stehen. Zum Beispiel wird auf den Internetseiten der Revolution in Postings nie auf die Alawiten geschimpft.

Also glauben Sie längerfristig an eine gute Zukunft für Ihr Land?

Shihab: Natürlich würde in den ersten paar Jahren nach dem Sturz des Regimes Chaos herrschen. Aber ich hoffe, dass langfristig Frieden einkehren kann.

Das Gespräch führte Simon Hackspiel




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