Letztes Update am Mo, 04.02.2013 14:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tür an Tür: Alle unter einem Dach

Dreißig Menschen haben eine Vision: vom Zusammenleben der Generationen, von Begegnungen und offenen Türen. Eine Großfamilie im ganz großen Stil.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – Menschen, die völlig vereinsamt leben, wird es hier nicht geben. Auch keine Menschen, die unbemerkt sterben, von niemandem vermisst. Dafür Nachbarn, die sich nicht hinter verschlossenen Türen verstecken, sondern gemeinsam den Garten bestellen, kochen, im Sommer grillen, spielen, über Bücher oder die Politik diskutieren und sich umeinander kümmern, wenn es nötig ist.

„Vernetzt wohnen, generationsübergreifend leben“ ist Leitsatz und Ziel einer Tiroler Initiative. Die Idee, die schon vor einigen Jahren in den Köpfen einer kleinen Gruppe heranreifte, fand in den vergangenen Monaten immer mehr Anhänger und nimmt nun ganz konkret Gestalt an: Die Gruppe von 30 Menschen im Alter von zwei bis 70 Jahren ist nach intensiver Vorarbeit auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück in Innsbrucker Tallage oder einem Gebäude, das für die speziellen Zwecke adaptiert werden kann. Es soll rund 25 Wohnungen in verschiedenen Größen umfassen, dazu Aufenthaltsflächen, die gemeinsam genützt werden.

Noch vor einigen Monaten hatte die 70-jährige Gerda Dematté gedacht, diese Lebensform sei nichts für sie. Die Umbauarbeiten an ihrem Haus waren gerade abgeschlossen. „Heute bin ich so weit, dass ich sage: Ich will meine Freude und meine Energie für andere Dinge verwenden als für die Instandhaltung eines Hauses, das für mich allein viel zu groß ist.“ Aktiv alt werden ist ihr Schlagwort. Das gemeinsame Wohnprojekt sei deshalb auch nicht als „Ausgedinge“ für ältere Menschen zu verstehen, auch wenn die Alternative zum Seniorenheim durchaus einer der Grundgedanken des Vorhabens sei. Dematté: „Es geht auch nicht darum, dass die Jungen die Alten pflegen. Dafür stellen wir Pflegepersonal an.“ Neun Mitglieder der Gruppe sind über 60 Jahre alt.

Alleinstehende sollen nicht isoliert leben müssen, Ältere ohne Kontakt zu ihren Familien auf Junge treffen und Kinder das Zusammenleben verschiedener Generationen erfahren, sich von der Fülle der Lebenserfahrungen inspirieren lassen können. „Bereichernd, beglückend“ sind Schlagworte, die Renate Krammer-Stark, Mutter von zwei Kindern, dazu einfallen. Die meisten Wohnhäuser seien heute so angelegt, dass sich die Menschen möglichst nicht begegnen, bedauert sie.

Das Modellprojekt für Westösterreich soll etwa eine gemeinsame Waschküche, einen Bügelraum und eine kleine Bibliothek umfassen, die Bewohner Carsharing betreiben, also die vorhandenen Fahrzeuge gemeinsam nützen. Kommt ein Baby zur Welt, können Nachbarn mit größeren Kindern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wer gerade Zeit hat, schaut auf den Nachwuchs der anderen. Füreinander da zu sein, offen und neugierig zu sein – für Gerda Dematté ist all das „faszinierend“ und doch irgendwie „das Normalste der Welt“.

Der Weg zur großen Wahlverwandtschaft unter einem Dach ist von vielen gemeinsam getroffenen Entscheidungen getragen. Zahlreiche Sitzungen waren nötig, um das Konzept zu konkretisieren, die Mitglieder mussten einen gemeinsamen Nenner finden. Krammer-Stark: „Wir sind eine basisdemokratische Gruppe.“ Entscheidungen sollen einstimmig fallen.

Am Dienstag, 19.30 Uhr, stellt die Initiative „Vernetzt wohnen“ ihren Traum vom Wohnen im Haus der Begegnung in Innsbruck vor.




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