Letztes Update am So, 16.06.2013 19:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ein Leben im Doppelpack

Vier Jahre lang lebten die Zwillinge Maria und Katja aus Russland getrennt. Wieder vereint in Tirol, erzählen die Schwestern von Verwechslungen und Liebesverwirrungen.



Von Nicole Unger

Landeck – Ihre Geschichten klingen nach „Hanni und Nanni“ oder dem „Doppelten Lottchen“. Wenn die eineiigen Zwillinge Maria und Katja in Erinnerungen schwelgen, dann kommt die Lausmädchen-Seite der 26-jährigen Frauen zum Vorschein. Beispielsweise wenn sie erzählen, wie sie mit 14 Jahren auf der Schultoilette Klamotten getauscht haben, nur um einen Jungen zu verwirren. Oder als Katja für die schüchterne Maria Verabredungen mit einem jungen Mann am Telefon organisierte, ohne dass ihre Schwester davon wusste.

Das war damals. Heute sind Maria Danilova und Katja Malysheva verheiratet und leben in Pians und Landeck. Geboren sind die beiden aber in Russland in der Stadt Twer zwischen Moskau und St. Petersburg.

Ja, zu erzählen gibt es genug, verrät Maria, die sich nur durch ihre langen Haare und ein Muttermal am Ohr von ihrer Schwester unterscheidet. Etwa dass selbst ihr Papa seine Babys nicht auseinanderhalten konnte und sie deshalb immer bunte Armbänder tragen mussten. Und dass ihr „armer“ Vater heute am Telefon noch immer nicht weiß, mit wem er spricht, weil seine Töchter die gleiche Stimme haben .

Die berührendste Geschichte der Zwillinge ereignete sich aber in ihrer Kindheit. „Katja hatte von Geburt an einen Herzfehler. Sie war bis zum Alter von zehn Jahren immer müde und schwach“, blickt Maria zurück.

Normalerweise hätte Katja zuhause unterrichtet werden sollen, doch das kam für die Familie nicht infrage. „Wir hielten fest zusammen. Ich trug immer Katjas Schultasche zum Unterricht und manchmal trug ich Katja selbst“, schildert Maria. Obwohl Katja 13 Minuten älter ist, war „Maria immer die, die auf mich aufgepasst hat“, ergänzt die „jüngere“ Schwester. Mit zehn Jahren wurde Katja in Berlin operiert, Maria blieb daheim in Russland. Zwei Monate lang waren die zwei Mädchen getrennt. „Ich wusste nicht, an welchem Tag Katja die OP hatte. Aber zur selben Zeit, als sie die Betäubung erhielt, war ich eine Viertelstunde in der Klasse total abwesend und schläfrig“, erinnert sich Maria zurück.

Dass Katja heute gesund ist, ist für ihre Zwillingsschwester das schönste Geschenk. Dieses einschneidende Erlebnis hat die beiden Frauen noch näher zusammengeschweißt. Sie sind Schwestern, Vertraute und beste Freundinnen, sagen sie. „Es ist wie vor einem Spiegel“, beschreibt Maria das Zwillingsgefühl. Gestritten hätten sie eigentlich nie. Bis 2009 verbrachten die zwei ihr ganzes Leben im Doppelpack, besuchten dieselbe Schule mit erweitertem Deutschunterricht, studierten in Twer Fremdsprachen und internationale Kommunikation, lernten perfekt Deutsch, teilten sich als Studentinnen ein Zimmer und verliebten sich – dummerweise – in denselben Mann. Er hieß Maxim, war neun Jahre älter und kam auch aus Russland. „Das ist uns zuvor noch nie passiert. Maria ist eher der sportlich gekleidete Typ, der Snowboardfan, das Energiebündel, ich kleide mich lieber fraulich“, erzählt Katja. Sie spürte aber, dass den ebenfalls sportlichen Maxim und ihre Schwester mehr verband, und ließ Maria den Vortritt. Böse sei sie ihr aber nie gewesen.

Die Entscheidung war die richtige, wie sich zeigte: Heute sind Maria und Maxim verheiratet. Vor vier Jahren wanderte das Ehepaar nach Tirol aus, um als Ski- und Snowboardlehrer zu arbeiten. Maria ist mittlerweile Unternehmerin, führt ein multilinguales Übersetzungsbüro im Bereich Alpine Technologien in Pians. Katja blieb in Moskau, lernte ihren Mann Victor kennen. Jeder lebte sein eigenes Leben. Doch die Trennung war für die Zwillinge extrem hart. „Wir vermissten einander, telefonierten jeden Tag im Skype und flogen immer hin und her, um einander so oft wie möglich zu sehen“, berichtet Maria.

Seit ein paar Tagen ist die Welt der Zwillinge wieder in Ordnung. Katja ist mit Victor nach Landeck gezogen und arbeitet nun für Marias Unternehmen. Das Wiedersehen war unglaublich. „Ich hatte schon im Flugzeug Herzklopfen“, strahlt Katja. Zwillinge gehören eben zusammen, die Beziehung sei eine einzigartige. Zu ihren Männern ist das Geschwisterduo deshalb ganz ehrlich: „Sie wissen genau, dass die wichtigste Person in unserem Leben die Zwillingsschwester ist.“




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