Letztes Update am Mo, 19.11.2012 06:10

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Menschlichkeit statt Finanzgewinn

16 Tiroler Pionier-Unternehmen erstellen erstmals eine Gemeinwohlbilanz, indem sie ihre Firma in Punkten wie soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit bewerten.



Von Susanne Meier

Innsbruck – Neun von zehn Österreichern wünschen sich laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung eine neue Wirtschaftsordnung. Einer der Hauptgründe sind die Unstimmigkeiten im Wertegefüge: Denn während Vertrauen, Liebe und Toleranz für jeden Menschen wichtige Beziehungs- und Erfahrungswerte darstellen, zählen in der Wirtschaft häufig Macht, Konkurrenz und Egoismus. Diesen Widerspruch stellte auch die Zuhörerschaft von Christian Felber fest, der kürzlich sein Buch über die Gemeinwohl-Ökonomie in Innsbruck vorstellte. Felber ist Gründungsmitglied der österreichischen Sparte von Attac und Initiator der „Demokratischen Bank“.

„Kooperation statt Konkurrenz“, lautet sein Motto. Viel effizienter wäre es, wenn Firmen zusammen und nicht gegeneinander arbeiten würden. Ziel von Unternehmen sollte es nicht sein, den größtmöglichen Finanzgewinn zu erwirtschaften, meinte Felber. „Geld ist das Mittel, nicht aber das Ziel“, sagte der Autor. Ihm gehe es darum, dass die Werte Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung in den Fokus des Wirtschaftens rücken. „Die jährliche Finanzbilanz sagt nichts darüber aus, welche Qualität das Produkt oder die Dienstleistung hat oder ob die Mitarbeiter fair bezahlt werden“, erklärte Felber.

Aus diesem Grund wäre es seiner Meinung nach sinnvoller, eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen, die aufzeigt, in welchem Maße sich die Unternehmen für die genannten Werte engagieren. Nicht die Finanzbilanz, sondern die Gemeinwohl-Bilanz soll dann die Grundlage für den Erfolg des Unternehmens ausmachen. „Je mehr Gemeinwohl-Punkte ein Unternehmen erzielt, desto mehr rechtliche Vorteile soll es genießen“, schreibt Felber. Gemeint sind Steuervorteile, günstige Kredite und Vorrang bei Auftragsvergaben.

Wem das zu theoretisch und utopisch erscheint, wird überrascht sein, dass bereits 851 Unternehmen in Europa ihre Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Zwar gibt es bisher noch kein staatliches Anreizsystem, aber anscheinend existieren noch wirkungsvollere Motive, um sich als Unternehmen an der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung zu beteiligen.

„Für mein Unternehmen ist der Prozess der Bilanzerstellung eine große Chance, weil es guttut, auf die verschiedenen Themen zu gucken“, sagt Andrea Cammerlander, Geschäftsführerin der Cammerlanders GmbH. „Es entsteht viel mehr Toleranz untereinander, der Druck und die Existenzängste gehen zurück.“ Cammerlanders ist eines von 16 Tiroler Unternehmen, die derzeit beginnen, gemeinsam ihre Gemeinwohl-Bilanzen zu erstellen. Zu Cammerlanders gehören das Restaurant Cammerlander, das Löwenhaus und die Geisterburg in Hall mit zusammen 120 Mitarbeitern.

Im Mai dieses Jahres trafen einander erstmals vier interessierte Tiroler zum Thema Gemeinwohl-Ökonomie. Unter ihnen war neben Andrea Cammerlander auch Vera Sokol, Geschäftsführerin der Innovia GmbH. Hauptziel ist die Erstellung der Gemeinwohl-Bilanzen. Zu diesem Zweck treffen sich die Unternehmer regelmäßig. Alle nötigen Unterlagen wie die Gemeinwohl-Matrix mit den insgesamt 17 Kriterien und einen Leitfaden können von der Internetseite www.gemeinwohl-oekonomie.org heruntergeladen werden. In Workshops werden die Unternehmen dazu befähigt, ihre Bilanzen zu erstellen. Alle Mitarbeiter können sich beteiligen.

„Uns ist es wichtig, dass ein Arbeitsplatz mehr ist als nur ein Job zum Geld verdienen“, meint Cammerlander. Regelmäßige Treffen mit den Mitarbeitern, Open-Space-Veranstaltungen und Coachings sollen dabei helfen. Ihr Ziel sei es, eine Ist-Analyse zu erstellen, was in ihrem Unternehmen bereits sehr gut läuft und an welchen Gemeinwohl-Kriterien noch mehr gearbeitet werden muss. Diese Ist-Analyse ist vergleichbar mit einem Qualitätsmanagementsystem. Als solches würde Sokol die Gemeinwohl-Bilanz charakterisieren. Sie hat Innovia im Jahr 2007 mit einem Geschäftspartner gegründet und beschäftigt momentan 24 Mitarbeiter. Mit Hilfe zahlreicher Projekte und Initiativen versuchen Sokol und ihre Mitarbeiter, Menschen mit Behinderung, Flüchtlinge und Migranten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. „Vieles, was Teil der Gemeinwohl-Ökonomie ist, machen wir als Unternehmen bereits“, meint Sokol. „Dennoch war das Konzept eine Art Erlösung, denn es zeigt den Unternehmen, wie sie in die richtige Richtung gehen können.“

Sokol und Cammerlander sind überzeugt, dass die Gemeinwohl-Ökonomie gute Zukunftschancen hat. Im Februar nächsten Jahres wollen die Tiroler Unternehmen ihre ersten Gemeinwohl-Bilanzen der Öffentlichkeit präsentieren. Bis dahin können sich weitere Unternehmen sowie interessierte Privatpersonen in den Prozess einbringen und mitdiskutieren.




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