Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 12.12.2015


Arbeitsmarkt

Verkürzte Lehrzeit als Stolperfalle

Ein Jahr weniger Berufsschule – mit diesem Zuckerl wird die überbetriebliche Lehrausbildung und Maturanten als neue Zielgruppe für die Lehre beworben. Ein Experte warnt vor einer Facharbeiterausbildung im Schnellverfahren.

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Von Margit Bacher

Innsbruck – „In Tirol machen noch immer knapp 40 % der Jugendlichen eine Lehre. Aber: 2014/2015 hatten wir im 1. Lehrjahr bei den Lehrlingen einen Rückgang von 7,5 % zu verzeichnen“, sagt Roland Teissl vom Landesschulrat für Tirol. Und was niemand gewusst hat, sagt der Landesschulinspektor für die Berufsschulen: „Wir haben in den letzten sechs Jahren einen Rückgang von 24 % bei den Lehrbetrieben.“ Dramatisch seien auch die großen Rückgänge bei den Lehrlingen in den Branchen Tourismus, Maurer, Maler und Installationstechnik. „Die Talsohle im Lehrlingsbereich ist erreicht“, sagt Teissl.

Als Gegenmaßnahme wurde 2013 beispielsweise die Facharbeiterausbildungsinitiative – im Rahmen der überbetrieblichen Lehrausbildung – in Kraft gesetzt. In verkürzter Lehrzeit können damit Schulabbrecher, Quereinsteiger oder ehemalige Anlernkräfte oder Hilfsarbeiter ihren Lehrabschluss nachholen, ohne ein Ausbildungsverhältnis mit einem Lehrbetrieb haben zu müssen. Durch die meist langjährige berufliche Praxis ist für die letztgenannte Personengruppe der Einstieg in die zweite Klasse Berufsschule kaum ein Problem.

Branchenferne Quereinsteiger tun sich da weitaus schwerer: „Nach der Schule raucht mir schon der Kopf und ich muss schauen, dass ich im Unterricht mitkomme“, sagt Andreas Kapeller. Der Unterländer ist 43 Jahre alt und besucht, finanziert über die AMS-Stiftung, zurzeit die dritte Klasse Berufsschule für Spengler in Innsbruck. Weil sich der 2-fache Familienvater nach 25 Berufsjahren als Postbeamter beruflich verändern wollte, aber in der Privatwirtschaft keinen Job gefunden hat, hat sich Kapeller entschlossen, die Spenglerlehre in verkürzter Lehrzeit zu absolvieren. Den Traum vom Landschaftsgärtner, denn das wollte er eigentlich lernen, hat er auf Anraten des AMS Kitzbühel aufgegeben: „Die Job-Situation bei uns im Unterland ist für diesen Bereich nicht rosig, haben die vom AMS gesagt“, erzählt Kapeller. Den Lehrabschluss will er mit guten Noten machen und beim Chef habe er eh schon deponiert, dass er gerne im Betrieb bleiben möchte.

Als branchenfremder Neuling und mit keinerlei fachlichen Vorkenntnissen tut sich Kapeller auch im dritten Lehrjahr nicht ganz so leicht. „Sicher war es fein, im zweiten Lehrjahr einzusteigen und ich habe in der Zwischenzeit auch schon auf der Baustelle ein bisschen Praxis gesammelt. Aber im Grunde fehlt mir überall das erste Jahr, einfach die Basis“, sagt er. Auch auf der Baustelle würde jeder mehr von ihm erwarten, denn schließlich sei er ja optisch nicht als Lehrling zu erkennen. Froh sei Kapeller schon, dass er die verkürzte Lehrzeit machen kann, vor allem aus finanziellen Gründen. Eine längere Ausbildung könnte er sich gar nicht leisten, denn die AMS-Unterstützung bekommt er genau für zwei Berufsschuljahre.

Und in vielen Fällen sei es tatsächlich oft dieser finanzielle Aspekt, der grundsätzlich Interessierte letztlich davon abhält, die überbetriebliche Lehrausbildung mit verkürzter Lehrzeit im Rahmen der Facharbeiterausbildungsinitiative zu machen, bestätigt auch Dietmar Weiss vom AMS Tirol. In einem gewissen Alter haben die meisten eben auch bereits familiäre und finanzielle Verpflichtungen übernommen. „Wir hätten uns viel mehr Interesse von dieser Nachqualifikation erwartet“, sagt Weiss. Aber die Förderrichtlinien würden nur eine Unterstützung von zwei Berufsschuljahren und eine gewisse Praktikumszeit vorsehen. Das AMS habe bereits Ideen eingebracht, wie dieses Detail entschärft werden könnte. Seit diesem Jahr gebe es mit der Fachabschlussbeihilfe aber eine Zusatzförderung vom Land Tirol, berichtet er.

Nachdem Facharbeiter überall fehlen, wollen Politik und Wirtschaft mit dem Zuckerl „Lehrausbildung mit verkürzter Lehrzeit“ künftig vor allem eine Zielgruppe umwerben: die Maturanten.

Benedikt Paasch hat am Bischöflichen Gymnasium Paulinum in Schwaz maturiert und wollte unbedingt die Lehre zum IT-Techniker machen, aber nicht in der verkürzten Lehrzeit. Denn für Maturanten wie ihn sei eigentlich die Kurzlehre vorgesehen. Paasch war sich bewusst, dass er zwar eine humanistische Grundausbildung habe, „aber null Plan von der IT“, wie er sagt. Er wollte nicht auf das Basiswissen im ersten Berufsschuljahr verzichten und hat sich mit seinem Ausbildungsbetrieb Vizrt in Vomp einigen können, dass er die reguläre Lehrausbildungszeit zum IT-Techniker machen darf.

Dass sowohl bei der Kurzlehre für Maturanten als auch bei der überbetrieblichen Lehrausbildung mit dem Detail der verkürzten Lehrzeit so massiv geworben wird, ist Winfried Judmaier, Direktor der Tiroler Fachberufsschule für Installations- und Blechtechnik, ein Dorn im Auge. „Damit wird die Wertigkeit einer Lehrausbildung schon wieder untergraben“, mahnt der Berufsschuldirektor. „Es wird der Anschein erweckt, dass wir Facharbeiter im Schnellverfahren ausbilden.“

Eckdaten zur Facharbeiterausbildungsinitiative

Basis: Die rechtliche Grundlage für eine überbetriebliche Lehrausbildung im zweiten Bildungsweg ist das Facharbeiter-Ausbildungsinitiative-Gesetz aus dem Jahr 2013.

Anspruch: Dieses Gesetz sieht vor, dass AMS-Teilnehmer aus AMS- Bildungsmaßnahmen oder AMS-Stiftungen zu überbetrieblichen Lehrlingen erklärt werden und dadurch werden sie ordentliche Schüler an den jeweiligen Berufsschulen.

Voraussetzung: Die überbetriebliche Lehrausbildung kann in Anspruch nehmen, wer das 20. Lebensjahr vollendet hat und eine Mindestverweildauer in der jeweiligen Ausbildung von einem jahr nachweisen kann.

Lehrlingszahlen: Im Schuljahr 2014/2015 haben rund 164 Lehrlinge die überbetriebliche Lehrausbildung als Maßnahme im Rahmen der Facharbeiteroffensive absolviert. Weitere 37 bei Ausbildungseinrichtungen mit Bewilligung des Wirtschaftsministers und 188 im Auftrag des AMS.