Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 22.10.2016


Arbeitsmarkt

Ein Fragebogen, der sich rechnet

Die Posteinlaufstelle beim Arbeitsinspektorat brachte Entlastung. Wenn Betriebe den Mehrwert der Evaluierung arbeitsbedingter, psychischer Belastungen erkennen, könnte viel Geld gespart werden und auch Krankenstände.

© iStock/gpointstudioEin Gruppen-Evaluierungsgespräch extern begleiten zu lassen, macht Sinn. Mitarbeiter öffnen sich dabei eher und sind bereit, konkrete Verbesserungs- oder Lösungsvorschläge einzubringen – mit Verbindlichkeit.



Von Margit Bacher

Innsbruck — „Das ist ein Schuss ins Knie", würden Chefs den Fragebogen zur Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz ihren Mitarbeitern einfach nur austeilen, ohne zu erklären, worum es dabei eigentlich geht, sagt Claudia Muigg, Unternehmensberaterin von „Die Be- raterinnen". Es sei schade, dass Betriebe nicht den Mehrwert aus dieser Befragung erkennen. „Die Betriebe könnten sich dabei ganz viel von dem sparen, was sie sonst so investieren, in Sachen Mitarbeitermotivation", ist Muigg überzeugt.

Für Tirols Klein- und Mittelbetriebe würde sich aus ihrer Sicht vor allem die gruppenbezogene Methode zur Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz eignen, die so genannte moderierte ABS-Gruppe. ABS steht für Arbeits-Bewertungs-Skala. Darin werden Fragen zu den Themen Arbeitsmerkmale, Organisationskultur, Arbeitsumgebung und -zeit sowie Arbeitsabläufe abgefragt und in einem Gruppeninterview beantwortet. „In solchen Gesprächen wird dann ganz Vieles quasi im Nebenbei gelöst, was sonst noch so geklärt gehört in der Firma", berichtet Muigg, die bereits einige Tiroler Betriebe bei der Evaluierung psychischer Belastungen begleitet hat.

Wichtig sei aber, dass schon zu Beginn die Führungsebene von der Sinnhaftigkeit dieser Evaluation überzeugt ist, dies auch der Belegschaft mitteilt und alle darauf vorbereitet werden. Dann dauert so ein Gruppeninterview mit 6 bis 10 Personen etwa 3,5 Stunden, koste aber weniger als 10 Stunden Physiotherapie und bringe allen im Betrieb einen Mehrwert, sagt die Expertin.

„Alles, was in der Gruppe besprochen wird, bleibt auch in der Gruppe", darauf legt Muigg großen Wert. Die Vertraulichkeit der persönlichen Aussagen könne nur durch eine externe Person sichergestellt werden. Die Ergebnisse werden anonymisiert und verdichtet den Entscheidern präsentiert. Chefs müssen dann die erarbeiteten Maßnahmen terminieren und sind für die Umsetzung verantwortlich. Sie müssen auch kontrollieren, ob die Maßnahme geholfen hat. Die Mitarbeiter werden nur darüber informiert, was wann von wem gemacht wird.

Wichtig ist dem Gesetzgeber, dass die Mitarbeiter in diesen Prozess aktiv und wohlwollend miteingebunden werden. Schließlich gehe es ja um die Förderung der Arbeitsfähigkeit von jedem Mitarbeiter an seinem Arbeitsplatz (siehe dazu unten die Grafik).

Das Wortgefüge „Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz" sorgt bei vielen Tiroler Unternehmen schon beim ersten Hinlesen sofort für Abwehr, weil es missverstanden wird. „Viele glauben nach wie vor, dass es bei dieser Datenerhebung um die Psyche der Mitarbeiter geht." Das sei aber falsch. Es gehe bei der Evaluierung um die Arbeitsbedingungen, die möglicherweise zu psychischen Belastungen führen. Auch das Arbeitsinspektorat Innsbruck ist dieser gesetzlichen Verpflichtung bereits nachgekommen, erzählt Amtsleiter Josef Kurzthaler. „Bei uns gibt es jetzt eine eigene Posteinlaufstelle, in einem eigenen Raum. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass jene zwei Mitarbeiterinnen, bei denen wir alle bis dato immer die Post abgeholt haben, nie in Ruhe ihre Arbeit erledigen können. Das war für die beiden in diesem Büro immer ein mords Stress", erzählt Kurzthaler. Mit einer relativ kleinen Maßnahme wurde eine große Wirkung erzielt.

Überlastete Mitarbeiter kommen teuer:

Kosten für Unternehmen bei Stress-Überlastung: Die Kosten (Kosten = Produktionsausfall + Verlust an Wertschöpfung) für KMU (10 bis 49 Mitarbeiter) erhöhen sich bei Stress-Überlastung im Schnitt um bis zu 3,8 Prozent. Bei Kleinbetrieben (1 bis 9 Mitarbeiter)erhöhen sich diese gleich um bis zu 8,8 Prozent.

Krankenstandsdauer: Aufgrund psychischer Belastungen in der Arbeit liegen die Krankenstandstage, laut WIFO-Fehlzeitenreport 2012, im Schnitt bei 40 Tagen. Bei anderen Erkrankungen liegt der Durchschnittswert bei 11 Tagen.

Volkswirtschaftliche Kosten: Je später die Überlastungs-Diagnose festgestellt wird, umso höher die Kosten: Eine späte Diagnose kostet der Allgemeinheit 94.000 bis 131.0000 Euro pro Fall. Die Kosten bei Früherkennung von Burnout liegt bei 1500 bis 1200 Euro.

Allgemeines: Die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz nehmen stark zu. Die Gründe dafür sind beispielsweise Zeit- und Termindruck, hohes Arbeitstempo, große Arbeitsmenge, monotone Tätigkeiten, Qualifikationsmängel, soziale Knflikte oder auch Arbeitsplatzunsicherheit.