Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.10.2017


Lohnschere

Frauen verdienen im Jahr 11.000€ weniger

Karenz, Teilzeitjobs, geringerer Lohn trotz gleicher Qualifikation: Frauen verdienen im Jahr 11.000 € weniger als Männer. Jede fünfte Frau arbeitet zum Niedriglohn. AK für Familienarbeitszeit.

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Wien – Ganzjährig vollzeitbeschäftigte Männer kamen laut Daten der Statistik Aus­tria zuletzt auf ein Einkommen von 50.008 Euro, Frauen auf 39.143 Euro. Frauen verdienen damit 10.865 Euro oder 21,7 Prozent weniger. Im Vergleich zum Vorjahr, als dieser Wert bei 22,4 Prozent lag, ist dies nur eine leichte Verbesserung.

Im Bundeslandranking sind die Einkommensunterschiede in Vorarlberg (29,2 Prozent oder 14.884 Euro weniger) am größten, dahinter folgen Oberösterreich (26,1 %), Salzburg (24,6 %) und Tirol mit 24,4 %. Die geringste Differenz weist Wien auf, dort verdienen Frauen 17,1 Prozent oder 9040 Euro weniger als Männer.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) aktualisiert alle zwei Jahre einen Gleichstellungsindex aus 31 Indikatoren, der liegt nun nach 2015 zum zweiten Mal vor. Das AMS hat ihn veröffentlicht. Demnach sind am Arbeitsmarkt 71 Prozent Gleichstellung erreicht, das ist eine kleine Verbesserung zu 2015, als es laut Wifo 70 Prozent waren. Damit ist weiterhin ein Verbesserungspotenzial von rund einem Drittel vorhanden.

Die größte Verbesserung gab es demnach zwar beim Einkommen. Erklärt werden kann dies damit, dass in den Kollektivverträgen die Niedriglöhne besser berücksichtigt wurden, zunehmend mehr Frauen höher qualifiziert sind und es bei Frauen einen stärkeren Rückgang bei den Hilfsarbeiterinnen gab. Dennoch sind Frauen weiterhin wesentlich stärker von Niedriglöhnen betroffen, gibt AMS-Expertin Martina Maurer zu bedenken: Jede fünfte Frau in Österreich ist niedriglohnbeschäftigt, bei Männern ist es jeder Zehnte.

Trotz der Verbesserungen bleibt der Einkommensunterschied in Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Staaten sehr groß. Frauen sind im Durchschnitt höher gebildet als Männer, dies schlägt sich aber nicht bei Arbeit und Einkommen nieder, stellt Maurer fest.

Den größten Nachholbedarf sieht sie im Bereich Familie. Zwar gehen mehr Männer in Karenz als in den Vorjahren, allerdings kürzer. Während bei Frauen das Einkommen „hinterhersinkt“, erhalten Männer nach einer Karenz teils sogar ein höheres Gehalt. Gründe dafür sind, dass Frauen oft nur in Teilzeit zurückkehren oder die Branche wechseln.

Aufgrund der Einkommensnachteile verdienen Frauen laut Arbeiterkammer über ein ganzes Leben betrachtet durchschnittlich 435.000 Euro weniger. Basis für die Berechnungen sind EU-Daten.

Um Kinderbetreuung, Hausarbeit und Altenpflege zu leisten, würden Frauen oft ihre Erwerbsarbeitszeit verringern und dadurch durchschnittlich 586 Euro im Monat verlieren. Auf das Erwerbsleben hochgerechnet ergebe dies inklusive Abfertigungen 310.000 Euro. Mangelndes Kinderbetreuungsangebot sowie eine geringe partnerschaftliche Arbeitsteilung drängen Frauen in die Teilzeitarbeit, kritisiert die AK. Frauen seien pro Woche 65 Stunden mit bezahlter und unbezahlter Arbeit beschäftigt, Männer 63 Stunden.

Benachteiligungen wie Teilzeit oder schlechtere Bezahlung frauentypischer Berufe dienen als Erklärung für Lohn­unterschiede. Doch selbst wenn diese Faktoren herausgerechnet werden, bleibe ein Rest von durchschnittlich 187 Euro im Monat, den Frauen weniger verdienen.

Laut Arbeiterkammer-Vizedirektorin Alice Kundtner brauche es eine ausgewogene Verteilung der Arbeitszeit zwischen Paaren, daher solle – wie in Deutschland debattiert – eine Familienarbeitszeit diskutiert werden. (APA)