Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 20.03.2018


Exklusiv

Die Angst des AMS vor Migranten

Ein interner Revisionsbericht zeigt massive Mängel bei der Integration Arbeitsloser mit nicht deutscher Muttersprache auf.

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Wien – Das Arbeitsmarktservice (AMS) ist mit der Betreuung von Ausländern und von Österreichern mit Migrationshintergrund teilweise deutlich überfordert. Das gehe aus einem internen Revisionsbericht hervor, berichtet die Presse (sie stellte den Bericht auch den Bundesländer-Zeitungen zur Verfügung). 42 Prozent aller Arbeitssuchenden sind demnach Ausländer oder haben Migrationshintergrund. In Wien liegt der Anteil dieser Gruppen bei 61 Prozent, in einigen AMS-Geschäftsstellen bei 70 Prozent. Vorarlberg kommt auf 46 Prozent, Tirol auf 36 Prozent, geht aus dem knapp 50-seitigen Dossier hervor. Die Untersuchung stammt vom Juni 2017 und wurde in Oberösterreich, Salzburg, Vorarlberg und Wien durchgeführt.

Die Prüfer untersuchten, ob Migranten beim AMS schlechter betreut werden als Inländer bzw. ob sie von Unternehmen bei der Jobsuche diskriminiert werden. Dafür gebe es jeweils aber keinerlei Hinweise. Die Zahl der Vermittlungen entspreche dem Anteil der Migranten an allen AMS-Kunden, auch das Förderbudget fließe analog zum Anteil der Migranten.

Seit 2015 dominieren in der öffentlichen Wahrnehmung Flüchtlinge. Dabei machen sie nur etwa sechs Prozent aller AMS-Kunden aus. Diese Flüchtlinge würden sich sogar durch eine überdurchschnittliche Motivation auszeichnen, heißt es in dem Bericht.

Unter AMS-Beratern geht offenbar die Angst um, sich den Vorwurf der Diskriminierung einzuhandeln. Weshalb sie laut dem Bericht manchmal „eine nachsichtigere Vorgangsweise in der Betreuung“ wählen würden. Der Bericht spricht von mangelnden Deutschkenntnissen als Problem bei der Beratung und Vermittlung. AMS-Geschäftsstellen klagen, dass es nicht genügend Plätze in Deutschkursen gäbe. Die Wartezeit betrage oft drei Monate.

Befragte AMS-Führungskräfte gaben an, dass „Auffälligkeiten nach Nationalitäten“ zu beobachten seien. Massive Probleme gibt es laut Bericht bei der Betreuung von Tschetschenen. Demnach seien Tschetschenen überdurchschnittlich oft gewaltbereit. Berater und Führungskräfte würden bedroht. Unter ihnen herrsche teilweise Angst, sodass sie in manchen Fällen weder Vorschläge für Jobs noch für Kurse machen, um die Kunden nicht zu verärgern. Bei Tschetschenen, Syrern und Afghanen sei die Vermittlung in soziale Berufe oder die Gastronomie schwierig, „weil der Servicegedanke abgelehnt wird“, schreiben die Autoren.

Bei Moslems würden Väter und Ehemänner soziale und berufliche Integration verhindern – sie träfen Entscheidungen für Kinder und Frauen. Moslemische Mädchen bis 18 dürften nicht an Ausbildungen teilnehmen mit dem Argument, dass sie nicht mit Männern in Kontakt kommen dürften. Musliminnen seien nur eingeschränkt in soziale Berufe vermittelbar, weil sie Männer nicht berühren dürften. Jugendliche der „zweiten Generation“ hätten trotz Schulbesuchs in Österreichs mangelhafte Deutschkenntnisse, weil zu Hause nicht deutsch gesprochen werde.

Die „übereinstimmende Wahrnehmung“ der in dem Revisionsbericht befragten AMS-Mitarbeiter stieß bei der AMS-Spitze aber auf Missfallen. Offenbar falle es vielen Beratern schwer, „zwischen Wahrnehmung und Vorurteil“ zu unterscheiden, heißt es in einem Statement, das im Revisionsbericht angeführt wird. Die AMS-Spitze empfiehlt ihren Mitarbeitern demnach „Schulungen zum interkulturellen Verständnis“. (TT)