Letztes Update am Mo, 28.05.2018 15:32

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Österreich

Gratisarbeit, fehlende Verträge: AK kritisiert Lage bei Praktikanten

Einer Umfrage zufolge werden 20 Prozent der Praktikanten unzureichend bezahlt, ein Drittel bekommt keinen schriftlichen Arbeitsvertrag.

© pixabaySymbolbild.



Wien – Sommerzeit ist in Österreich für rund 180.000 Schülerinnen und Schüler Praktikumszeit. Seit dem Schuljahr 2014/15 sind Praktika in allen berufsbildenden Schulen Pflicht. Die Unternehmen würden ihre Pflichten oftmals nicht allzu ernst nehmen, kritisierten Arbeiterkammer (AK) und Gewerkschaft am Montag bei einem gemeinsamen Pressegespräch.

Praktikanten seien nach wie vor mit Gratisarbeit, fehlenden Arbeitsverträgen und Lohnzetteln sowie Tätigkeiten, die mit der Ausbildung nichts zu tun haben, konfrontiert. „Behandelt die Jugendlichen ordentlich, wenn ihr die Fachkräfte von morgen braucht“, appellierte AK-Direktor Christoph Klein an die heimischen Unternehmen.

Umfrage: 6 von 10 unzufrieden mit Praktikum

10 Prozent bekamen bei ihrem letzten Praktikum überhaupt kein Geld, 10 Prozent lediglich ein Taschengeld, ergab eine Befragung des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung (öibf) unter rund 2000 Schülerinnen und Schüler von Handelsakademien und Handelsschulen. Ein Drittel der Befragten bekam keinen schriftlichen Arbeitsvertrag, knapp die Hälfte musste das Praktikum in einem Bereich machen, der nichts mit der beruflichen Ausbildung zu tun hat. Sechs von zehn Befragten waren mit dem Praktikum insgesamt unzufrieden.

Besonders schlecht sei die Situation für Praktikanten im Sozial-bzw. Pflegebereich, berichtete Susanne Hofer, Vorsitzende der Gewerkschaft GPA-djp Jugend. „Dort glauben die Arbeitgeber, die Jugendlichen sind eh so sozial, dass sie es gratis machen.“ Doch auch in Büros könnten Praktikanten „nicht zum Mappen ordnen oder drucken“ eingeteilt werden, sondern müssten facheinschlägige Tätigkeiten machen. Arbeiterkammer und Gewerkschaft raten, bereits vor Beginn des Praktikums darauf zu achten, ob Bezahlung, Beschreibung der Tätigkeit und Arbeitszeiten passen.

Ein Praktikum darf kein Volontariat sein

AK-Direktor Klein ortet bei vielen Firmen noch Wissenslücken: „Viele Arbeitgeber glauben, Praktika sind Volontariate.“ Letzteres sei aber ein „reines Reinschnuppern“ in eine Firma, ohne fixe Arbeitszeiten oder Pflichten. „Sobald ein Betrieb sagt, du bist um 8.30 Uhr da, ist es schon eine Weisung und somit kein Volontariat.“

Im Schnitt verdienen Pflichtpraktikanten 800 Euro im Monat, ergab die Befragung. In einigen Branchen ist die Bezahlung von Praktikanten im Kollektivvertrag (KV) geregelt, so etwa im Handel, der chemischen Industrie oder in der IT. In diesen Branchen orientiert sich das Gehalt an der Lehrlingsentschädigung und liegt zwischen mindestens 590 Euro im Handel und knapp über 900 Euro in der IT.

Gewerkschafterin Hofer hofft, dass andere Branchen nachpreschen und die Entschädigung für Praktikanten im KV verankern. Firmen sollten zudem mehr Hilfe bei der Praktikumssuche anbieten – etwa durch regionale Praktikumsbörsen oder Datenbanken für offene Plätze. „Die Wirtschaft hat sich Pflichtpraktika gewünscht, jetzt soll sie es nicht als Volontariat abtun, sondern fair bezahlen“, forderte Klein. (APA)