Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.06.2018


Exklusiv

Digitale Revolution: Was tun, wenn die Arbeit weniger wird?

Die Digitalisierung werde in Österreich weit mehr als 360.000 Jobs kosten, glaubt der Philosoph Richard David Precht. Wirtschaftsinformatiker Ulrich Remus untersucht, wie die Digitalisierung die Gesellschaft bereits verändert hat.

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Von Anita Heubacher

Innsbruck — Während Österreich gerade den 12-Stunden-Arbeitstag und die 60-Stunden-Woche diskutiert, gehen Ökonomen, Wirtschaftsinformatiker und Philosophen davon aus, dass Arbeit nicht nur weniger, sondern sich auch grundlegend ändern wird. Vollbeschäftigung sei bereits oder werde zur Illusion. Das Institut für Höhere Studien in Wien geht davon aus, dass rund 360.000 Jobs in Österreich wegfallen werden.

Der deutsche Publizist und Philosoph Richard David Precht, der letzte Woche in Hall war, meint, dass „viele Menschen deutlich weniger arbeiten und ein deutlich größerer Anteil von Menschen gar keiner Erwerbsarbeit mehr nachgeht". Precht glaubt, dass es weit mehr als 360.000 Jobs sein werden, die wegfallen.

Der Philosoph und Publizist Richard David Precht.
- Amanda Berens

Eine Einschätzung, die auch Wirtschaftsinformatiker Ulrich Remus von der Universität Innsbruck teilt. 360.000 Jobs bei 3,9 Millionen Beschäftigten sei viel zu niedrig kalkuliert, meint der Wissenschafter. „Es wird sicher eine Umverteilung geben. Dabei werden auch neue Jobs entstehen, die zum heutigen Zeitpunkt noch nicht einmal angedacht sind." Unterm Strich rechnet Remus aber damit, dass Arbeit weniger wird. Zudem würden die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit bereits verschwimmen. „Wir sind ständig erreichbar, mit den negativen Auswirkungen wie Stress und Burnout."

Remus untersucht, wie sich die Digitalisierung auf die Gesellschaft auswirkt und kommt unter anderem zum Schluss, dass unser Bildungssystem Gefahr läuft, genau jene Absolventen zu produzieren, die am Ende leicht durch Automatisierung auszutauschen sein werden. Gerade für die neuen komplexen Jobs brauche es Menschen, die fähig seien, sich tief mit neuen Themen auseinanderzusetzen, um innovative und kreative Lösungsansätze zu entwickeln. Darauf sei aber das momentane Bildungssystem nicht wirklich ausgelegt.

Remus liest das geänderte Medienkonsumverhalten bereits aus einigen Arbeiten, die die Studenten an der Uni abgeben, heraus. „Während die Inhalte leicht aus unterschiedlichen Internetquellen zusammengestellt werden können, fehlt häufig das tiefe Verständnis des Ganzen." Das „Bulimie-Lernen", Wissen schnell aufzunehmen und dann wieder auszuspucken, greife um sich.

„Informationen replizieren und neu kombinieren können aber Maschinen bereits heute, und das kombiniert mit innovativen Technologien wie Machine Learning oder Künstlicher Intelligenz, birgt nochmals ganz neue Möglichkeiten zur Automatisierung."

Ebenso schlecht auf das Fortschreiten der Digitalisierung vorbereitet sieht der Wirtschaftsinformatiker die Arbeitswelt und die Gesellschaft als solches. Diese müsse umdenken, wenn ein Großteil der Arbeit von Maschinen verrichtet werde. „Wertschätzung durch Lohnarbeit wird weniger wichtig werden." Es gebe tausend Möglichkeiten, sich sinnvoll in der Gesellschaft zu beschäftigen, aber das müsse bereits früh kultiviert werden.

Remus ist, ebenso wie Precht, optimistisch, dass der Wegfall der Arbeit keine Revolution hervorrufen wird. „Das System wird sich mit ändern." Andere Wertigkeiten würden entstehen. Jobs, die schwer oder nicht durch Maschinen ersetzt werden könnten, wie beispielsweise Pflegeberufe, könnten künftig besser abgegolten werden.

Precht: „Menschen arbeiten sowieso immer weniger“

Sie gehen davon aus, dass die Digitalisierung die Vollbeschäftigung zur Illusion macht. Was passiert, wenn die Masse nicht mehr beschäftigt ist?

Richard David Precht: Die Vollbeschäftigung ist ohnehin schon eine Illusion und natürlich werden wir deutlich weniger arbeiten. Das ist ja der Sinn der Digitalisierung, dass wir langweilige und blöde Arbeiten zukünftig von Maschinen erledigen lassen. Dann haben die Menschen deutlich mehr Zeit, sich zu überlegen, was sie wirklich tun wollen.

Sie gehen also von keiner Revolution aus. Laufen Menschen ohne Arbeit nicht Gefahr, depressiv zu werden oder sich zumindest zu langweilen?

Precht: Das glaube ich nicht. Gucken Sie mal, als in Griechenland die Demokratie erfunden wurde, da hat sich der freie griechische Mann dadurch ausgezeichnet, dass er nicht gearbeitet hat. Gearbeitet haben die Frauen, die Sklaven und die Ausländer. Und heute arbeiten in bestimmten Bereichen bald nur noch Roboter und Computer. Das ist eine großartige Sache. Gucken Sie mal in die arabische Welt. Schauen Sie mal nach Kuwait oder Saudi Arabien, da arbeiten doch keine Männer. Ich habe nicht das Gefühl, dass die ihrem Leben keinen Sinn abgewinnen können, nur weil sie keiner Erwerbsarbeit nachgehen.

Wie sieht eine neue gesellschaftliche Ordnung aus, ohne Leistungsprinzip, ohne Arbeiten von Montag bis Freitag?

Precht: Die Menschheit arbeitet sowieso immer weniger. Also je mehr clevere Maschinen wir erfinden, desto weniger müssen wir langweilige Arbeiten machen. Die Menschen werden sich darüber freuen, dass sie Zeit haben, andere Dinge zu machen. Abgesehen davon, sind wir heute gezwungen, uns um viele Dinge zu kümmern, weil bestimmte Institutionen aussterben. Es wird vermutlich bald keine Kundenbanken mehr geben. Das müssen Sie dann alles selber machen. Schon jetzt buchen Sie Flüge selber. Schon jetzt checken Sie, wenn Sie über Ihre Gesundheit, Ihre Ernährung stundenlang im Internet, was für Sie gut und was für Sie richtig ist. Um das alles selber machen zu können, können Sie nicht mehr so viel arbeiten. Es gibt eine Logik in diesem System, die darin besteht, dass die Menschen immer mehr selbstbestimmte Tätigkeiten machen und weniger ein Leben lang bestimmte gleichförmige Tätigkeiten, das ist die große Entwicklung in der wir uns befinden.

Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass in Österreich 360.000 Jobs durch die Digitalisierung wegfallen. Was, wenn mehr Jobs dazukommen als wegfallen?

Precht: Das ist völlig unmöglich. Abgesehen davon, dass die Zahl in Österreich viel höher sein wird als 360.000. Wenn Sie angucken, dass die Versicherungen und die Banken mehr als die Hälfte ihres Personals nicht mehr brauchen werden, dass die Banken möglicherweise verschwinden. In Österreich, die Autozulieferindustrie, ein riesiger Arbeitgeber fast vollständig verschwinden wird, dann ist doch völlig klar, dass das was an neuen Jobs entsteht, nicht ansatzweise imstande ist, das aufzuwiegen, was wegfällt. Leute, die sowas erzählen, wollen die Leute in Sicherheit wiegen oder sind Illusionisten.

Das Gespräch führte Theresa Mair