Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.06.2018


Arbeitsmarkt

Mehrfachbeschäftigung: Direkt von der Praxis ins Büro

Physiker und Lehrer, Ärztin und Marketingleiterin: Wer zwei oder mehr Berufe parallel ausübt, zählt zu den Mehrfachbeschäftigten. Die Motive dafür sind unterschiedlich, wer es macht, tut es aber mit Leidenschaft.

© Wer zwei Berufe ausübt, zählt in Österreich offiziell zu den so genannten Mehrfachbeschäftigten. Grund für zwei Jobs muss nicht immer Geld sein. Meist arbeiten Mehrfachbeschäftigte auch gerne in zwei bzw. mehreren Berufen. Foto: iStock



Von Nina Zacke

Innsbruck, Kufstein – „Es war immer die Frage, mache ich beruflich etwas mit Medizin oder Wirtschaft?“, sagt Stephanie Holzer. Sie entschied sich schlussendlich dafür, beides zu tun. Holzer arbeitet zwanzig Stunden als selbstständige Ärztin, einerseits als Praxisvertretung und andererseits im Schlaflabor in Telfs, und zwanzig Stunden als Marketingleiterin im Fitnessstudio Happy Fitness. Die gebürtige Südtirolerin ist eine Mehrberuflerin. Laut Statistik Austria sind fünf Prozent der österreichischen Erwerbstätigen in mehreren Jobs gleichzeitig beschäftigt.

„Wer mehr als einer bezahlten Beschäftigung nachgeht, egal ob selbstständig oder unselbstständig, ist ein Mehrfachbeschäftigter“, erklärt der Ökonom Andreas Exenberger. Der Prozentsatz bezieht sich aber lediglich auf die offiziellen Zahlen. Schwarzarbeit sei hier nicht inkludiert, unterstreicht Exenberger. „Wenn man Schwarzarbeit als Mehrfachbeschäftigung sieht, und das sollte man, dann sind es natürlich mehr“, so der Wirtschaftshistoriker. Die Gründe dafür sind verschieden: Finanzielle Absicherung, Verbesserung der Lebensqualität oder mehrere Qualifikationen, die man beruflich ausleben möchte. Für Exenberger ist laut den vorliegenden statistischen Zahlen kein deutlicher Trend in Richtung Mehrfachbeschäftigung gegeben. Dennoch ist er sich sicher, dass diese in Zukunft zunehmen wird.

„Es ist gerade aufgrund der oft unsicheren Beschäftigungsverhältnisse von jüngeren Menschen klar, dass sich diese neben einem Hauptjob noch eine Nebenbeschäftigung suchen werden“, ist er überzeugt. Das schlage sich aber aktuell statistisch noch nicht großartig nieder, so der Wissenschafter.

Die Gruppe der Betroffenen ist inhomogen. „Überdurchschnittlich vertreten sind zum Beispiel sowohl Akademiker als auch Menschen aus dem landwirtschaftlichen Bereich, etwa Nebenerwerbsbauern“, sagt er. Exenberger selbst zählt zu den offiziellen fünf Prozent. Bei ihm steckt ein ökonomisches Motiv dahinter: „Ich bin in meinem Hauptberuf nicht vollzeitbeschäftigt, da kann man es sich für ein angemessenes Familieneinkommen nicht leisten, seine Fähigkeiten sonst nur in der Freizeit auszuleben.“ Für Holzer war es dagegen eine Berufung. Bereits während ihres Medizinstudiums hat sie angefangen, im Marketingbereich zu arbeiten, und wollte diese Tätigkeit nach dem Ende ihrer Ausbildung zur Ärztin nicht aufgeben. „Ich wollte beides unter einen Hut bringen“, erzählt Holzer. Denn die medizinische Tätigkeit sei etwas ganz anderes als die Arbeit als Marketingleiterin. Dabei zieht sie die Energie für den jeweiligen Job aus dem anderen. „Wenn ich nach einem Nachtdienst im Schlaflabor am nächsten Tag in der Früh ins Büro fahre, höre ich oft, ob ich nicht müde sei. Solange man seine Arbeit gern macht, geht einem die Energie nicht aus“, sagt sie.

Auch Klaus Reitberger zählt zu den Mehrfachbeschäftigten. Der Kufsteiner arbeitet einen Tag in der Woche in der Forschung am Institut für Astro- und Teilchenphysik der Universität Innsbruck und die restlichen vier Tage als Lehrer für Physik und Theater in der englischsprachigen Privatschule „International School Kufstein Tirol“. Daneben ist er seit gut zwei Jahren als Kulturgemeinderat in Kufstein mit fünf Stunden pro Woche beschäftigt. Zusätzlich engagiert er sich außerberuflich als Regisseur, Stückeschreiber und Schauspieler. Seine Berufe ergänzen sich, betont der Multijobber: „Als Wissenschafter verbringe ich viel Zeit vor dem Computer, als Lehrer habe ich den Austausch mit Schülern, Eltern und Lehrern und als Gemeinderat kann ich die Kultur in Kufstein fördern.“

Für Reitberger wäre ein Leben mit einer Vollzeitbeschäftigung nicht denkbar. „Ich möchte mich nicht auf einen Beruf beschränken. Ich würde mich dabei in meinem Leben sehr eingeschränkt fühlen“, konkretisiert er seine berufliche Entscheidung. Dass er diese berufliche Möglichkeit mitunter seinem Arbeitgeber zu verdanken hat, darüber ist er sich im Klaren: „Ich hatte großes Glück, dass mir die Universität Innsbruck erlaubt hat, mein wöchentliches Stundenmaß zu reduzieren, um meinen Job als Lehrer im selben Ausmaß ausüben zu können.“ Reitberger ist überzeugt, dass man seinem inneren Drang, etwas Neues zu probieren, nachgeben sollte: „Natürlich kann es auch schiefgehen, aber ich glaube, dass die Chancen, dass man danach ein erfüllteres Leben hat, größer sind.“

„Mehrfachbeschäftigung macht Sinn“

In Österreich gibt es immer mehr Menschen, die in mehreren Jobs gleichzeitig beschäftigt sind. Was bedeutet das aus steuerlicher Sicht?

Christof Metzler: Gleichzeitig mehrfach beschäftigt zu sein, bedeutet, auf das Steuerliche bezogen, eine Arbeitsnehmerveranlagung, auch bekannt als „Lohnsteuerausgleich", abgeben zu müssen. Somit können die verschiedenen Einkünfte zu einem Einkommen zusammengerechnet werden. Dieses Einkommen ist Steuerbasis für die tatsächliche Steuerermittlung. Unter dem Jahr werden die jeweiligen Dienstverhältnisse steuerlich voneinander getrennt behandelt.

Machen Mehrfachbeschäftigungen rein aus finanzieller Sicht einen Sinn? Verdient man auch mehr? Trotz Abgaben?

Metzler: Aus finanzieller Sicht macht eine Mehrfachbeschäftigung jedenfalls Sinn, weil sich nur so auch mehr verdienen lässt. Mehrfachbeschäftigung erhöht zudem die Beitragsgrundlage für die staatliche Pensionsvorsorge. Und es ist ein sich stets haltendes Märchen, dass die Mehrsteuerbelastung bei Mehrfachbeschäftigung mehr ausmache als der Zuverdienst an sich.

Könnten Sie dies erklären? Zum Beispiel: Jemand arbeitet 30 h/Woche in einem Angestelltenverhältnis und dazu noch auf selbstständiger Basis

Metzler: Für das Dienstverhältnis wird vom Dienstgeber der Jahreslohnzettel an das Finanzamt übermittelt. Für die Bezüge wird vom Dienstgeber bereits Lohnsteuer einbehalten und an das Finanzamt abgeführt. Für die selbstständigen Einkünfte ist der Gewinn aus der Differenz von Einnahmen und Ausgaben zu ermitteln. Die Einkommensteuer wird dann nach einem so genannten Staffeltarif berechnet: Das Existenzminimum von Euro 11.000 ist steuerfrei. Das darüber hinausgehende Einkommen wird zwischen 25 Prozent und 55 Prozent besteuert.

Wie kann man unkompliziert ausrechnen, was man am Ende des Jahres an Steuer und Sozialversicherung eventuell noch nachzahlen muss?

Metzler: Es gibt im Netz diverse Berechnungsprogramme, die bei der Hochrechnung der Steuer- und Sozialversicherungsbelastung sehr hilfreich sind, so zum Beispiel auch auf unserer Homepage www.steuermander.at unter der Rubrik Onlinerechner.

Das Gespräch führte Nina Zacke