Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 26.07.2018


Bezirk Landeck

„Es ist grotesk, Arbeitskräfte abzuschieben“

In Österreich droht etwa 900 Flüchtlingen die Abschiebung vor Abschluss ihrer Lehre. Auch Betriebe im Bezirk sind von der Situation betroffen. Die Tiroler Grünen fordern gesetzliche Absicherung.

© SchrottGeorg Kaltschmid, Sabine Kertess und Wolfgang Egg (v. l.) präsentierten ihre Sichtweise zur Abschiebung von Flüchtlingen in der Lehrzeit.Foto: Schrott



Von Nina Schrott

Landeck – Khan Hossain flüchtet im Sommer 2016 aus seiner asiatischen Heimat Bangladesch und findet sich am Ende in Landeck wieder. Neben seinen Deutschkursen beginnt der Jugendliche im Flirscher Hotel Basur eine Lehre zum Koch. Der Beruf macht ihm Spaß, die Integration funktioniert. Eineinhalb Jahre später folgt der Schock: Khan erhält den Abschiebebescheid.

„So ist es nun schon zwei von unseren Lehrlingen ergangen. Der zweite – Pakistani Hussein – sollte nach dem ersten HGA-Lehrjahr abgeschoben werden“, erzählt Hotelierin Sabine Kertess. „Vor ihrer Ausweisung sind beide nach Italien geflüchtet und schlagen sich jetzt dort irgendwie durch.“ Auf den ersten Bescheid zur Abschiebung folgt ein Interview – laut Grünen ein rein formeller Akt – und meist auch ein zweiter negativer Asylbescheid.

Aus diesem Grund sprechen sich die Tiroler Grünen für die Einführung des Projektes „3+2“ aus, das in Deutschland schon länger angewendet wird. Die Idee ist diese: Asylwerber in Berufsausbildung dürfen während der Lehrzeit plus zwei weitere Jahre danach nicht abgeschoben werden. „Als Arbeitgeber hat man mit der aktuellen Gesetzeslage keine Chance, die Abschiebung eines Lehrlings zu verhindern“, bedauert WK-Bezirksstellenleiter Otmar Ladner.

Laut Landtagsabgeordnetem Georg Kaltschmid würde das enorm viel Druck von den Auszubildenden nehmen, wenn sie nicht in ständiger Angst leben müssten. Er spricht von einer „Win-win-Situation“ für Wirtschaft und Flüchtende. Weiters führt er aus: „Es ist grotesk, bei akutem Arbeitskräftemangel, besonders im Tourismus, potenzielle Fachkräfte abzuschieben.“ Momentan gebe es im Bezirk 30 freie Stellen als Koch, 56 als Servicekraft.

Grünen-Bezirkssprecher Wolfgang Egg beklagt die momentane Gesetzeslage. „Das Risiko der Abschiebung ist so groß, dass sich nur sehr wenige Betriebe trauen, Flüchtlinge einzustellen“, meint er. So sei nichts planbar, wie es in einem modernen Staat eigentlich sein sollte. Der Zustand gleiche einer „Bananenrepublik“. Sabine Kertess berichtet, dass auch sie nicht mehr bereit dazu sei, Asylwerbern eine Lehrstelle anzubieten, solange sich die Gesetzeslage nicht maßgeblich ändert. „Da spielt der finanzielle Faktor eine Rolle. Lehrlinge auszubilden, ist ein kostspieliges Unterfangen. Am Ende erscheint das Ganze sinnlos, wenn die Fachkraft vor Beendigung der Ausbildungszeit einfach aus Österreich ausgewiesen wird.“

Auch aktuell sind einige junge Asylwerber im Bezirk Land­eck von der Situation betroffen. Lokale Unternehmen wie Elektro Müller, Franz Bouvier oder das Hotel Bär bangen um ihre Lehrlinge. „Momentan sieht es leider schlecht für diese jungen Menschen aus. Ist ihr Herkunftsland laut EU sicher, sind uns die Hände gebunden“, bedauert Ladner. Auch Kaltschmid berichtet von ähnlichen Fällen im Tiroler Unterland. „Mein derzeitiger Praktikant ist zwar nicht direkt gefährdet, bringt aber ständig seine Angst zum Ausdruck, dass alles morgen vorbei sein könnte“, erzählt er mit Bedauern.

Egg stört außerdem das fremdenfeindliche Benehmen mancher Einheimischer. Den Grund für diesen Zustand sehe er auch darin, dass gehäuft „gute Leute“ mit Motivation zur Integration abgeschoben werden. „Die Problemfälle werden wir nicht los“, weiß er und fordert, sich künftig auf engagierte Migranten zu konzentrieren.