Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 18.08.2018


Tirol

Die Rückkehr der Barbiere: Auch der Mann braucht Pflege

Drei Tiroler Meisterfriseure berichten vom vernachlässigten Mann in der Friseurbranche, der Rückkehr eines alten Berufsbildes und der überfälligen Emanzipation. Barbiere kümmern sich um den Mann als Ganzes.

© Foto TT / Rudy De MoorWährend Mann ein Fußballspiel im Fernsehen genießt, trimmt Barbier Martin Niedermair den Bart des Kunden.Foto: Rudy De Moor



Von Nina Zacke

Innsbruck, Ramsau, St. Johann – Neben Haarschnitt und Bartpflege gibt es im Barbershop von Martin Niedermair Bier, Tequila oder Kaffee, Männermagazine, eine Playstation und einen Fernseher, auf dem Sportevents live übertragen werden. Vor drei Jahren entdeckte er die Marktlücke und reagierte mit einer Wohlfühloase ausschließlich für Männer. Obwohl es Männer- und Frauenfriseure gibt, war der Mann jahrelang das Stiefkind in der Friseur­branche, betont Niedermair. Dem wollte er mit seinem Barbershop entgegenwirken. Für ihn geht es vor allem darum, nicht die Frau mit ihrem Styling in den Mittelpunkt zu rücken, sondern den Mann. „Es gibt in Tirol viele Friseurbetriebe, die jedoch fast ausschließlich auf das weibliche Publikum abzielen“, kritisiert der Innsbrucke­r.

Salons, die sich nur auf Männer spezialisiert haben, gibt es im Verhältnis in Tirol wenige. Barbiere, die ihr Handwerk verstehen, sind immer noch selten. Da verwundert es kaum, dass sich die Männer in den vorhandenen Barbershops wohlfühlen: „Ich höre oft von Kunden, dass sie froh sind, endlich einen Betrieb gefunden zu haben, der nur auf Männer ausgerichtet ist“, sagt Niedermair. Dabei ist sein Publikum bunt gemischt, vom Kleinkind über den Maurer und Arzt bis hin zum Studenten und Senioren. Unter Männern fühlt sich auch der Friseur selbst wohler: „Grundsätzlich arbeite ich lieber mit Männern, es ist eine lockere Arbeitsumgebung.“ Das Berufsbild des Barbiers ist nicht neu. Es ist sozusagen der Herrenfriseur von früher, und dieser Trend kommt langsam wieder zurück. „Dass der Barbier hauptsächlich mit dem Bart zu tun hat, ist ein Missverständnis“, belehrt Peter Pfister.

Die Nassrasur und Bartpflege sei genauso ein Bestandteil des Barbiers wie der klassische Männerhaarschnitt, ergänzt der Friseur. „Früher gingen die Männer zum Haare­schneiden, und jetzt gehen sie zum Barbier. Da geht es um den Mann als Ganzes“, meint sein Sohn, Sebastia­n Pfister. Er hat durch seinen Studienaufenthalt in den USA das alte Barbertum wiederentdeckt und für Österreich neu definiert. Mittlerweile hat er sowohl in Ramsau im Zillertal als auch in Salzburg ein Geschäft namens „The Barber“. Dass es beim Friseurbesuch um mehr geht als darum, sich die Haare schneiden zu lassen, konkretisiert der junge Barbier: „Man(n) trifft sich, unterhält sich und erhält einen guten Haarschnitt und eine entspannende Bartpflege und Rasur. Männerwellness eben.“

Und zu dieser Männerwellness gehören für ihn Männermagazine, Motorradthemen, Autos sowie Spielekonsolen dazu. Es sei eine Männerwelt zum Abschalten vom Alltag, sagt der junge Tiroler überzeugt. Hinter dem gesellschaftlichen Wandel steckt für den Friseurmeister Franz Josef Eberl eine moderne und überfällige Emanzipation des Mannes. Der Mann will sein Eigenes und nicht an dem der Frau partizipieren. „Auch der Mann darf und soll es sich gut gehen lassen“, so der St. Johanner. Das Geschäftsmodell des Barbiers antwortet somit auf die Anforderungen des modernen Mannes. „Ein gepflegtes Äußeres, das Hervorheben des eigenen Stils und das Unterstreichen der Persönlichkeit“, fasst der Herrenfriseur die Ansprüche des Mannes zusammen. Eberl hat mit 19 Jahren den Friseurbetrieb seiner Oma übernommen und führt ihn seither. Zum Barbershop wurd­e der Betrieb erst durch eine Modernisierung im Jahr 2017.

„Wir waren und sind ein Damen- und Herrenfriseur, ich habe mich jedoch von Anfang an auf Herren und Bärte spezialisiert“, erzählt Eberl. Dass nicht nur Männer als Barbiere arbeiten können, beweist der 34-Jährige in seinem Geschäft: „Ich achte schon sehr früh in der Ausbildung auf den Herrenbereich, und da wir sehr viele Bartträger als Kunden haben, sind alle meine Damen spätestens im 3. Lehrjahr ausreichend geschult.“ Ob der Barbier in Konkurrenz zum klassischen Friseurhandwerk steht, negiert der Friseur­meister: „Spezieller Bart­service, Pompadours, Flattops, Contours, Quiffs, Fades und wie sie alle heißen, werden bei den meisten klassischen Friseuren nicht angeboten, was das Ausweichen zum Barbier unumgänglich macht.“

Ein Problem sei nach wie vor die Ausbildung, sagen die Barbiere. „Es wäre wünschenswert, wenn wir die Spezialisierung auf Männer auch in der Ausbildung erreichen würden“, hebt Peter Pfister hervor. Denn nach wie vor wird der Mann als kleineres Beiwerk in der Ausbildung gehandhabt. „Ein gutes Beispiel sind Messen oder Fortbildungen: Von neun präsentierten Frisuren betreffen acht die Frau und ein­e den Mann“, unterstreicht Niedermair. In dieser Hinsicht gilt noch Handlungsbedarf, denn haarige Bedürfnisse hat der Mann genug.