Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 04.09.2018


EXKLUSIV

Weniger Lehrlinge in Tirol: Die Lehre hat ein Imageproblem

Das Bildungsniveau der Schüler hat nachgelassen. Das stellen Unternehmer und Ausbildner fest. Sie verlangen, dass mittlere und höhere Schulen wieder Aufnahmetests einführen, um die Lehre zu fördern.

© Getty ImagesLehrlinge kündigen öfter als sie gekündigt werden.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Die Annonce zieht auch nach einem Jahr noch ihre Kreise in den sozialen Medien. Ein Kitzbüheler Unternehmer suchte mit den Worten „Du bist nicht komplett verpeilt“ oder „Du beherrschst die Grundrechenarten“ einen Maschinisten oder Schlosser. Man finde keine Facharbeiter mehr, da müsse man zu unkonventionellen Mitteln greifen, meint Richard Cervinka. Er leitet einen 50-Mitarbeiter-Betrieb und hatte das Inserat aufgegeben. „Es war als Gag gedacht und hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt.“ Allerdings nicht nur bei Bewerbern, sondern auch bei anderen Arbeitgebern. „Einige Unternehmer meinten, ich hätte ihnen aus der Seele gesprochen“, sagt Cervinka.

Die Lehre hat ein Imageproblem. „Die Zahl der Lehrlinge ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen, da kann das letzte Jahr nicht darüber hinwegtäuschen“, sagt der Landesschulinspektor für Berufsschulen, Roland Teissl. Gerade einmal 17 Lehrlinge mehr und damit 10.725 hätten 2017 eine Lehre begonnen. Der Rückgang liege auch an den geburtenschwachen Jahrgängen. Diese Delle sei aber jetzt vorbei, meint Teissl. Den Hauptgrund ortet der Landesschulinspektor in der Konkurrenz mit den anderen Schulen und dem stattfindenden Gerangel um jeden einzelnen Schüler. „Wir fordern seit Langem, dass mittlere und höhere Schulen wieder Aufnahmetests einführen müssen. Das gehört gesetzlich verankert.“ Seit Jahren bestehe diese Forderung, seit Jahren werde seitens der Politik nicht reagiert.

Selbst Teissl kann dem Inserat und den darin geforderten Mindestansprüchen etwas abgewinnen. „Wenn die anderen Schulen jeden nehmen, bleiben die Schwächsten für die Lehre übrig.“ Einen Niveauverlust und das Fehlen von Grundkompetenzen stellt auch er bei den Jugendlichen fest.

Geburtenschwache Jahrgänge folgen auf die Babyboomer.dpa
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„Es landen viele Schüler an Schulen, wo sie nicht hingehören.“ Die Notenwahrheit sei stark zu hinterfragen, meint Teissl. Er würde neben verpflichtenden Aufnahmetests auch verbindliche und verpflichtende Berufsorientierung an den allgemein bildenden höheren Schulen vorschlagen. Man sei zwar dort auf einem kooperativen und guten Weg, Berufsorientierung hänge aber immer noch vom Gutdünken der Lehrer ab.

Den Hebel bei den Eltern ansetzen würde Mario Erhard. Er leitet die Bauakademie am Lehrbauhof in Innsbruck. „Die Eltern stecken ihre Kinder auf Biegen und Brechen in eine Schule, die Lehre hat da keine Chance.“ Dabei seien die Verdienstmöglichkeiten gut, teils besser als für Akademiker. Im dritten Lehrjahr verdiene ein Maurer 1926 Euro brutto.

Über die Qualität der Lehrlinge kann Erhard Unterschiedliches berichten. Nicht alle hätten Schwierigkeiten mit dem Lesen und dem Schreiben. Das Niveau sei nicht unbedingt schlechter geworden, wohl aber der „Angriff“. Früher hätten Kinder mit ihren Vätern im Keller gebastelt. „Da stand eine Werkbank. Inzwischen ist die aus den Häusern verschwunden, und immer mehr Berufsschüler sind Wohnungskinder.“

Die meisten Lehrlinge sind in der Sparte Gewerbe und Handwerk tätig. Deren Spartenobmann in der Tiroler Wirtschaftskammer ist Franz Jirka. Das Fehlen von Grundkompetenzen stellt er nicht nur bei Lehrlingen, sondern auch bei Facharbeitern fest. Zehn Jahre sei er Berufsschullehrer für Angewandte Mathematik gewesen, erzählt der Heizungstechniker. „Was da an Wissen dahergekommen ist, war zum Weinen. Beim Multiplizieren oder Dividieren steigen 50 Prozent aus.“

Jirka würde bei den Pflichtschullehrern ansetzen. Dort sieht er die größten Versäumnisse. „Die Pflichtschullehrer meinen offensichtlich, dass wir die größten Deppen gebrauchen können.“ Dabei sei das Anforderungsprofil an die Lehrlinge anspruchsvoller geworden. „Die müssen rechnen können. Die arbeiten mit hochwertigen Maschinen und Lasergeräten. Die müssen etwas können.“

Aber nicht nur das fehlende Wissen macht Jirka Sorgen, sondern auch, dass Jugendliche immer weniger psychisch belastbar seien. „Zähne zusammenbeißen gibt es nicht. Das haben ihnen die Eltern beigebracht.“ Jugendliche, die als Prinz und Prinzessin erzogen worden seien, würden körperliche Arbeit scheuen. „Leitbetriebe müssen ihren Lehrlingen alles beibringen, sogar, dass man vor dem Kunden nicht Kaugummi kaut.“

Ab 2025 wieder mehr Junge

Wien, Innsbruck —Seit 1980 ist laut ibw-Forschungsbericht die Zahl der Lehrlinge österreichweit von 194.000 auf 106.600 letztes Jahr gesunken. In Tirol machten 1980 noch rund 17.100 Jugendliche eine Lehre, letztes Jahr waren es 10.700. Mit 42 Prozent sind die meisten Lehrlinge österreichweit in Gewerbe und Handwerk tätig. In Industrie und Handel arbeiten je 14 Prozent, im Tourismus sind es österreichweit acht Prozent. Ein Grund für den Rückgang ist, dass es insgesamt weniger Jugendliche gibt. 2007 gab es noch 100.400 15-Jährige, 2016 waren es um 15.000 weniger. Auf diesem Niveau wird sich die Zahl der 15-Jährigen stabilisieren und ab 2025 sogar wieder geringfügig steigen.

Danke, das war's

Sechs Prozent aller Lehrlinge haben sich 2017 laut ibw-Forschungsbericht für eine „Lehre mit Matura" entschieden. Seit 2008 ist dieses Modell möglich, wonach sich Lehrlinge auf die Matura kostenfrei und parallel zur Lehre vorbereiten können. Es ist ein Erfolgsmodell, das allerdings zuletzt auch sinkende Teilnehmerzahlen verzeichnen musste. Insgesamt werden 17,7 Prozent der Lehrverhältnisse vorzeitig gelöst, am häufigsten in der dreimonatigen Probezeit. Als „Drop-Out-Quote" kann die Zahl nicht herhalten, in vielen Fällen handelt es sich auch nur um die Änderung eines Lehrvertrages beim selben Lehrbetrieb. Gelöst wird das Lehrverhältnis vom Lehrling öfter als vom Lehrberechtigten.