Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 06.10.2018


Bezirk Reutte

Junge Spanier sollen es richten

Seit Monaten hat das Außerfern die niedrigste Arbeitslosenrate Österreichs. Für die WK Reutte „Fluch und Segen“ in einem – nun wird auf ungewöhnliche Weise versucht, Arbeitskräfte auf der Iberischen Halbinsel zu rekrutieren.

© Auf ein völlig neues Modell setzt die Wirtschaftskammer Reutte: Nach dem Schulabschluss in Spanien folgt der Lehrabschluss in Österreich. Junge Fachkräfte sollen zum Länderwechsel animiert werden.Foto: iStock, Montage: TT



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Juli 1,9 Prozent, August 1,8 Prozent, September 2,1 Prozent – nirgendwo in ganz Österreich sind derart wenige Menschen arbeitslos gemeldet, nirgendwo ist die Beschäftigungslage so „ausgezeichnet“ wie im nordwestlichsten Bezirk Tirols. Im Juli hatten im Außerfern 14.596 Menschen eine Anstellung – ein historischer Höchstwert. Das Zusammentreffen einer demografischen Kurve, die nach unten zeigt, eines geringen Zuzugs und höchster Nachfrage der Unternehmen schafft ein Luxusproblem. Weit mehr Beschäftigte werden gebraucht, als dem Markt zur Verfügung stehen.

Klaus Witting, Chef des Arbeitsmarktservices Reutte, nennt ein paar Details, die auf die besondere Situation hinweisen. „Die größte Zunahme bei den Beschäftigten haben wir in der Altersgruppe der über 50-Jährigen. 5,1 Prozent beträgt hier der Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr. Jetzt kommen wirklich auch Ältere zum Zug.“ Zu denken gibt dem AMS-Leiter der Wert am anderen Ende der Skala. Bei den unter 25-Jährigen wird ein Minus ausgewiesen. Auch wenn es nur 0,1 Prozent beträgt, zeige es klar die demografische Problematik: Zu wenige Junge strömen in den Arbeitsprozess nach.

Die heurigen Daten über die Arbeitslosigkeit in den Sommermonaten sind die niedrigsten seit 2001. Es herrscht absolute Vollbeschäftigung im Bezirk. „Die gute Witterungssituation führte dazu, dass die Hotellerie und Gastronomie eine sehr gute Sommersaison erlebte. Positiv ist zudem festzustellen, dass auch die Industrie-Leitbetriebe des Bezirkes mit der Auftragssituation sehr zufrieden sind“, sagt Witting weiter. Auch in den Bau- und Baunebenberufen herrscht Hochkonjunktur, zum Teil müssen Arbeitsaufträge mangels Personals abgelehnt oder in die Zukunft verschoben werden. Viele Firmen können den Arbeitskräftebedarf nur noch durch Leasingarbeitskräfte annähernd decken.

Genau hier kommt die Wirtschaftskammer Reutte ins Spiel, die einer Prallwand für die Sorgen der Unternehmer gleicht. Immer öfter bekommt Reuttes WK-Leiter Wolfgang Winkler zu hören, dass Bauprojekte auf Monate hinausgeschoben werden müssen, auf Ausschreibungen gar nicht mehr geantwortet wird, Hotelküchen geschlossen bleiben, nur noch in einer Art Notbetrieb weitergearbeitet wird. „Wir haben Vollbeschäftigung, aber es gibt keinen Flow mehr. Der Fluss steht, am Arbeitmarkt herrscht null Bewegung.“ Da es keine Lösung auf lokaler Ebene gebe, wo längst ein Kannibalisierungs­effekt zwischen den Branchen im Ringen um Mitarbeiter im Gange sei, geht die WK Reutte nun einen völlig neuen Weg. Winklers Ansatz, zumindest etwas Entspannung in den Arbeitsmarkt zu bringen, heißt „Spanien“. Er spricht hier nicht von theoretischer Fantasterei, sondern von einer konkreten Rekrutierungsmaßnahme, die den Außerferner Unternehmern in zehn Tagen in der Wirtschaftskammer vorgestellt wird und vor allem den rückläufigen Lehrlingszahlen entgegenwirken soll. In Zusammenarbeit mit dem renommierten Personalentwicklungsprofi Missethon wurde das Projekt „Talents for Europe“ aufgesetzt. In Spanien herrscht weiterhin eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, die dortigen Teenager könnten offen für Verände- rung sein. Spanische Jugendliche besuchen gegen Ende ihrer Schulzeit meist eine zweijährige Fachschule – etwa für Tourismus. Eine Lehre wie in Österreich ist auf der iberischen Halbinsel nicht bekannt. Nun können heimische Firmen Patenschaften für Jugendliche zu je 5000 Euro übernehmen. Während der letzten zwei Jahre Schulzeit werden die jungen Spanier zusätzlich in Deutsch unterrichtet. In Tirol erhalten sie eine Jobgarantie und können mit 18 Jahren z. B. ins Außerfern wechseln, um hier das letzte Lehrjahr zu absolvieren. Daraus resultierende Lehrabschlüsse würden anerkannt. Als EU-Inländer könnten die jungen Leute angestellt werden. Für Winkler eine Form der Rekrutierung, wie sie Plansee in den 70ern prakti- ziert hat. Damals wurden Mitarbeiter direkt in Jugoslawien und der Türkei angesprochen und angeworben.

Plansee-Vorstand Karlheinz Wex bestätigt, dass hohe Auftragsstände mit intensiver Personalsuche seit Langem zusammentreffen. Das Industrieunternehmen beschäftigt am Standort Reutte derzeit über 2400 Mitarbeiter – Rekord in der nun 97-jährigen Firmengeschichte. Zudem gebe es eine natürliche Fluktuation von 70 bis 100 Mitarbeitern pro Jahr. Eine zukunftssichernde Maßnahme des Hartmetallers war die Neuaufnahme von 45 Lehrlingen vor wenigen Wochen – ebenfalls Rekord. Zerspanungstechniker und Informatiker sucht Plansee in Inseraten und weiteren Werbekanälen rund um die Uhr. „Aber in Kroatien inserieren wir noch nicht“, weist Wex allfällige Geschichten zurück. In solchen Ländern funktioniere die Mundpropaganda.

Je attraktiver Plansee im leergefegten Außerferner Arbeitsmarkt wahrgenommen wird, umso schwieriger wird es für Metaller-Mitbewerber, aber vor allem die „Nachgereihten“ aus Handel und Gastgewerbe, die einem Industrielohnniveau nichts entgegenzusetzen haben.