Letztes Update am Mo, 22.10.2018 07:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Tiroler ÖGB-Chef: „Nie gegen flexible Arbeitszeiten“

Der ÖGB sei nicht gegen flexible Arbeitszeiten, jedoch gegen ein Diktat der Arbeitgeber, erklärt Gewerkschafter Philip Wohlgemuth.

© APATirols ÖGB-Chef Philip Wohlgemuth setzt auf Sozialpartnerschaft.



10- bis 12-Stunden-Arbeitstage sind in manchen Branchen diskussionslos normal. Verstehen Sie, dass viele Menschen verwirrt sind, wenn sie die aktuellen Diskussionen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verfolgen?

Philip Wohlgemuth: Wir haben schon vor der Einführung des 12-Stunden-Tages immer betont, dass ArbeitnehmerInnen schon flexibel genug sind. Man hat sozialpartnerschaftlich auf Gesundheit, Freizeit und Einkommen geschaut. Eine Vielzahl an flexiblen Regelungen in Kollektivverträgen verdeutlicht, dass der ÖGB nie gegen flexible Arbeitszeiten gewesen ist.

Worum genau geht es in der harschen Ablehnung des 12-Stunden-Tages?

Wohlgemuth: Was wir hier erlebt haben, das ist ein einseitiges Diktat zugunsten der Arbeitgeber ohne auch einen einzigen Punkt, der zu einer Verbesserung für die ArbeitnehmerInnen führt. Wir verwahren uns nicht gegen ein modernes und innovatives Arbeitszeitgesetz, welches die Interessen der ArbeitgeberInnen und vor allem der ArbeitnehmerInnen berücksichtigt. Im Fokus einer Arbeitszeitflexibilisierung stehen die Faktoren Gesundheit, Freizeit und Einkommen, mit denen man ein gutes Leben führen kann.

Es gibt immer mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Wie sollen diese Menschen mit 10- bis 12-Stunden-Arbeitstagen umgehen?

Wohlgemuth: Die prekären Arbeitsbedingungen stören uns als Gewerkschaftsbewegung seit Jahrzehnten. Schade, dass sich die Bundesregierung nur mit weiteren Verschlechterungen im Arbeitsleben, nicht aber mit der Bekämpfung von prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt.

Gibt es heutzutage eigentlich noch gewerkschaftliche Druckmaßnahmen, die wirken?

Wohlgemuth: Der ÖGB verzeichnet bundesweit ein Mitgliederwachstum, in Tirol schon seit acht Jahren. Damit steigt auch das Gewicht des ÖGB und das hat sich auch jüngst mit einer Betriebsrätekonferenz in Absam, bei der 750 ArbeitnehmervertreterInnen mitgewirkt haben, oder einer Demo in Wien mit 120.000 TeilnehmerInnen noch einmal mehr gezeigt. Wir werden auch in Zukunft eine schlagkräftige Interessenvertretung mit starken und engagierten BetriebsrätInnen für ArbeitnehmerInnen sein und dies auch in Betrieben und in der Öffentlichkeit unter Beweis stellen.

Unternehmer wissen den Wert ihrer Mitarbeiter meist ohnehin zu schätzen, warum erscheinen im politischen Diskurs Positionen jedoch oft nicht vereinbar?

Wohlgemuth: Als ÖGB Tirol bauen wir auch auf eine gelebte Sozialpartnerschaft, in der alle, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite, die Leistungen der arbeitenden Menschen schätzen und würdigen. Die Sozialpartnerschaft hat in mehr als 70 Jahren für sozialen Frieden und einen ausgewogenen Interessenausgleich gesorgt. Das muss auch in Zukunft so bleiben.

Das Gespräch führte Verena Langegger