Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 09.11.2018


Arbeitsmarkt

“Whatchado“-Mitbegründer: „Menschen suchen Sinn im Job“

Die Berufswelt ist im Wandel, Statussymbole sind out, Diversität und Sinnhaftigkeit werden gefordert.

© Thomas Boehm / TTAli Mahlodji hilft mit Whatchado bei der Berufsorientierung.Foto: Thomas Böhm



Von Verena Langegger

Innsbruck – „SAP stellt seit Jahren Autisten ein, sie haben spezielle Begabungen und sind wertvolle Mitarbeiter“, sagt Ali Mahlodji. Mahlodji, selbst Flüchtling, kennt die Bedeutung von Diversität, persönlich, aber auch beruflich.Er hat die Karriereplattform whatchado.com mitbegründet, sie gilt seit ihrem Launch 2011 als Vorzeige-Start-up, immerhin haben Investoren wie Ex-Siemens-Chefin Brigitte Ederer, der Sicherheitshersteller EVVA oder Bellaflora-Gründerin Hilde Umdasch Millionen investiert. Schüler, Studenten, aber auch Lehrer besuchen die Website auf der Suche nach dem richtigen Beruf. Die Plattform funktioniert weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Auch die Deutsche Bahn nutzt die Möglichkeiten, um Arbeitgeber und potenzielle Arbeitnehmer zusammenzuführen.

Mahlodji ist aber nicht nur erfolgreicher Start-up-Unternehmer, er ist auch EU-Jugendbotschafter und will Menschen berufliche Orientierung geben. Auf der Plattform finden sich dazu Videos von den verschiedensten Menschen in unterschiedlichsten Berufen. Allerdings: „Wichtig ist nicht der Beruf, sondern wie die Menschen dorthin gelangt sind.“ Um das berufliche Potenzial eines Menschen zu erkennen, müsse er sich erst ausprobieren und kennen lernen. Mit 14 Jahren zu wissen, welchen Job man ausüben will, sei kaum möglich. Deshalb rät der Start-up-Unternehmer, aus der Komfortzone rauszukommen und alle jemals gehörten Glaubenssätze zu hinterfragen. Ein lebenslanger Job in einer einzigen Bank? Dieser berufliche Lebenslauf ist heutzutage kaum noch möglich, Mahlodji empfiehlt Flexibilität. Gerade die Generation Y, die jetzt ins Berufsleben startet, interessiere sich nicht mehr für Chefpositionen oder Statussymbole. „Junge Menschen suchen Sinn“, sagt er. Sicherheit könne ohnehin kein Unternehmer mehr in der Wirtschaftswelt von heute geben. Daher müssten sich auch Unternehmen ändern, denn, so Mahlodji: „Firmen stellen nicht mehr nur Produkte her, sie müssen auch ein Gefühl vermitteln, sonst bekommen sie keine Mitarbeiter mehr.“ „Diversity“, also Vielfalt, und Empathie seien gefragt. Denn es gebe mehr als die „normale, glattgebügelte, straighte Produktivität“. Während viele Unternehmen „Buntheit“ oder „Vielfalt“ noch mit den Worten „nice to have, aber nicht notwendig“ abtun würden, werde „Diversity“ bei den Trendsettern der Berufswelt, den Tech-Companies in Silicon Valley, nicht einmal mehr diskutiert. „Vielfalt ist dort längst angekommen“, sagt Mahlodji. Immerhin seien 70 Prozent der Tech-Companies von Flüchtlingen gegründet worden. Diversität bedeutet auch die Integration von Menschen mit Beeinträchtigung. Gerade diese sei oft schwierig, sagt Georg Willei­t, Leiter der Lebenshilfe Tirol. Seit 20 Jahren begleitet die Lebenshilfe mit „Job.Chance.Tirol“ Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen, die einen Arbeitsplatz suchen. Es werde ihnen oft zu wenig zugetraut. Willeit ortet aber mittlerweile eine Veränderung. „Es kommen auch Unternehmen zu uns und wollen die Behindertenquote erfüllen.“ Er sieht großes Potenzial in seiner Klientel. Und denkt an die Zukunft: „Wenn es Supermärkte ohne Kassenkräfte gibt, dann könnte doch unsere Organisation diese Supermärkte übernehmen. Dann wäre jemand zum Reden da.“