Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 12.06.2019


Exklusiv

Neue Arbeit im Anrollen: Flexible und billige Kräfte sind gefragt

Damit Geschäftsmodelle wie Online-Essens-Bestellung, Paketzustellung und E-Scooter-Verleih funktionieren, müssen viele Menschen möglichst flexibel und billig arbeiten.

Für viele Studenten ist der Job als Radkurier zum Beispiel für Essen beliebt, da sie sich sportlich betätigen können.

© iStock EditorialFür viele Studenten ist der Job als Radkurier zum Beispiel für Essen beliebt, da sie sich sportlich betätigen können.



Von M. Lutz und M. Christler

Innsbruck — Der klassische Studenten-Job hat ausgedient. Wer schnell ein paar Euro nebenhier verdienen muss, hat mehr Möglichkeiten, als nur sich hinter eine Bar zu stellen. Das Schwarze Brett hat sich längst ins Internet verlagert und vor allem mit der E-Mobilität rollen immer neue Verdienst-Möglichkeiten an. Den Anfang gemacht haben die Fahrradkuriere, die jetzt nicht nur schnell Post ausliefern. Um Geld zu sparen, wird inzwischen im Stadtgebiet das im Internet bestellte Essen vor die Haustür gebracht. Sogar Pakete werden jetzt in Lasten-Vierrädern transportiert.

Ein völlig neues Geschäftsmodell hat sich mit dem E-Scooter-Verleih ergeben — jemand muss die Roller einsammeln, warten und ausliefern. Ein stressiger Job, der schlecht bezahlt wird und den Kritiker eher als Sackgasse sehen. Ein Überblick:

Die E-Scooter sind am Ende des Tages in der ganzen Stadt verstreut zu finden.
Die E-Scooter sind am Ende des Tages in der ganzen Stadt verstreut zu finden.
- APA

Die E-Scooter-Sammler. Die elektrischen Roller, die man seit wenigen Wochen auch in Innsbruck leihen kann, werden als Lösung für verkehrsgeplagte Städte angepriesen. Jeden Morgen stehen sie in Hunderten Städten weltweit frisch aufgeladen wieder bereit. Es sind aber keine Heinzelmännchen, die das Einsammeln, Aufladen und Wieder-Aufstellen erledigen. Manche Firmen setzen auf so genannte „Juicer" oder „Charger" — in Wien zum Beispiel bekommen sie für einen aufgeladenen E-Scooter fünf Euro. Bei Tausenden in der Stadt verteilten Rollern wittern so einerseits nachtaktive Menschen das schnell Geld, andererseits machen viele Jagd auf die Roller und es bleibt für jeden nur ein kleiner Teil.

150

E-Scooter können in Innsbruck ausgeliehen werden. Ein Team von fünf Personen sammelt sie ein und wartet sie.

In Innsbruck hat sich der erste Anbieter, Tier-Mobility, gegen dieses Modell entschieden. „Wir arbeiten nicht mit Freelancern (Anm. freie Mitarbeiter) zusammen, sondern mit einer externen Firma", sagt Tier-Sprecher Daniel Fuchs-Bauer. Diese Firma hat in Innsbruck fünf Mitarbeiter angestellt. Diese kümmern sich jede Nacht zwischen 20 Uhr und 6 Uhr in der Früh um das Einsammeln der 150 Scooter, das Aufladen in einer Werkstatt im Stadtgebiet und die Wartung. Das war eine Vorgabe der Stadt-Verantwortlichen. Ob weitere Anbieter, die Innsbruck ansteuern, diese Regel ebenfalls einhalten oder doch auf nicht angestellte Einsammler setzen, ist noch nicht klar.

Essen kommt per Rad. Die Online-Plattform Mjam liefert seit vergangenem Oktober durch ihre Submarke Mjam Plus Essen per Radkurier in Innsbruck. Derzeit sind rund 60 Restaurants Partner des Anbieters in der Landeshauptstadt, 50 Mitarbeiter bringen die Bestellung mit dem Zweirad. Für Studenten sei es ein reizvoller Job, wie Unternehmenssprecher Martin Roseneder erklärt: „Die Leute wollen sich sportlich betätigen und können sich zudem die Zeit frei einteilen."

Das Cubicycle von einem Paketdienst ist seit Mai in Innsbruck unterwegs und soll Lieferautos in der Stadt ersetzen.
Das Cubicycle von einem Paketdienst ist seit Mai in Innsbruck unterwegs und soll Lieferautos in der Stadt ersetzen.
- iStock Editorial

250

Im Durchschnitt legen die Fahrradkuriere von Mjam Plus 250 Kilometer pro Woche in der Stadt zurück.

Von den gesamt 710 Fahrrad-Lieferanten in Österreich sind 90 Prozent freie Dienstnehmer, seit Jänner dürfen sie sich über eine Gehaltserhöhung freuen. Pro Bestellung verdienen die Boten vier Euro, das Fixum sind acht Euro. „Die meisten unserer Fahrer kommen auf zehn bis zwölf Euro pro Stunde. Zudem sind alle Mitarbeiter unfallversichert", erklärt Geschäftsführer Artur Schreiber.

Die Boten haben oft mit dem Wetter zu kämpfen — denn je schlechter es wird, umso mehr Aufträge kommen. „Der 1. Jänner ist unser stärkster Tag im Jahr. Wir schauen immer auf die Wetterprognosen. Wenn es extrem heiß wird, bestellen die Leute weniger", so Roseneder. Ein Kurier hat im Schnitt drei Bestellungen pro Stunde, dabei muss pro Woche aber eine beachtliche Strecke zurückgelegt werden: „Durchschnittlich sind es 250 Kilometer pro Woche. Es ist ein anstrengender Job, keine Frage. Aber viele sagen selbst, dass sie bei uns für Sport bezahlt werden", so Schreiber.

Lastenfahrrad: Seit etwas mehr als einem Monat ist in Innsbruck das so genannte Cubicycle, ein neu entwickeltes Lieferfahrrad, von DHL unterwegs. Das E-Bike ist mit einer speziellen Alu-Box ausgestattet, in dieser können bis zu 145 Kilo transportiert werden. Mit dem Gefährt ist in Tirol ein eingeschulter Mitarbeiter unterwegs. „Wir haben das E-Bike seit Jänner 2018 intensiv in Wien getestet und positive Resonanz erhalten. Man hat gemerkt, dass es von Kunden ein Wunsch ist, neue sowie saubere Lösungen bei der Zustellung zu finden", erklärt DHL-Unternehmenssprecher Michael Viehböck.

Die Reichweite des speziellen Elektrorads sind an die 100 Kilometer. „Aktuell ist die Reichweite noch zu gering. Die Routen sind jedoch so geplant, dass sich die Wege ausgehen." Wenn der Strom mal nicht reicht, muss der Kurier sein Gefährt manuell fortbewegen. Dass es ein durchaus anstrengender Job sein kann, weiß Viehböck: „Es ist herausfordernd, ich war selbst Fahrradkurier. Aber die Leute machen es auch sehr gern." Bei glatter Winterfahrbahn und Gefahr für den Boten soll das Cubicycle nicht auf der Straße zu sehen sein.

Wie sieht es rechtlich aus? Mit dem Fahrrad Essen am Rücken durch die Stadt schleppen, mit einem Vierrad Pakete herumführen, mitten in der Nacht Jagd auf E-Scooter machen — klingt schweißtreibend und stressig. Sind das die neuen Ausbeuter-Jobs? So drastisch würde es Thomas Radner, Leiter der Arbeitsrechtlichen Abteilung der Arbeiterkammer Tirol, nicht formulieren. Die Gerichte müssten sich aber immer wieder mit solchen Beschäftigungsverhältnissen auseinandersetzen und entscheiden, ob jemand Arbeitnehmer sei oder nicht. „Bei den meisten angesprochenen Fällen gibt es schon eine Judikator — zum Beispiel sind Essenszusteller Arbeitnehmer und als solche auch abgesichert. Die Paketboten sind meistens angestellt. Nicht so klar ist es bei diesen E-Scooter-Sammlern", verweist Radner auf diese völlig neue Art der Arbeit. Wenn das Einsammeln über die App organisiert werde, „wird das betriebliche Risiko vom Unternehmen auf diese Leute verlagert", kritisiert er.

Ohne auf Einzelfälle einzugehen, kann er jedenfalls sagen: „Die Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse hat in den letzten Jahren zugenommen."

145

Im Ladebehälter des Cubicycle von DHL können Pakete mit einem Gewicht von bis zu 145 kg transportiert werden.