Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 23.08.2019


Tirol

Mitarbeitersuche ohne Erfolg: “Gekommen ist am Ende keiner“

Von 25 als arbeitslos Gemeldeten waren 20 für den Unternehmer nicht erreichbar, zwei hatten Kreuzweh, drei sagten zu, traten den Job aber nicht an. Eine Bestandsaufname.

56 Mitarbeiter verarbeiten in Hall Obst und Gemüse. Einstiegslohn: 1100 Euro netto und Logis.

© Foto TT/Rudy De Moor56 Mitarbeiter verarbeiten in Hall Obst und Gemüse. Einstiegslohn: 1100 Euro netto und Logis.



Von Anita Heubacher

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Innsbruck – Wie sich der Facharbeiter- und Hilfskräftemangel in der Praxis anlässt, davon kann Andreas Giner ein Lied singen. Er verarbeitet in seinem Betrieb in Hall mit 56 Mitarbeitern tonnenweise Obst und Gemüse. Giner hätte noch mehr Mitarbeiter zum Zwiebelschälen und Ananasschneiden gebraucht. Hat aber keine gefunden. Der Unternehmer hatte sich Anfang August an das Arbeitsmarktservice gewandt. 25 Namen samt Telefonnummern übermittelte das AMS an ihn. „Gekommen ist am Ende keiner“, sagt Giner. „Das AMS war sehr engagiert, mir zu helfen, und hat ebenso versucht, die als arbeitslos Vorgemerkten zu erreichen.“

Die Bilanz der Versuche ist keine positive: 20 der 25 Vorgemerkten waren nicht erreichbar, zwei krank, drei sagten den Job zu, kamen aber am nächsten Morgen nicht. „Für die Jobs braucht es keine Qualifikation. Nur zwei Hände, zwei Füße und den Willen zum Arbeiten“, sagt Giner. 1100 Euro netto zahlt er als Einstiegsgehalt. Dazu stellt der Unternehmer eine Wohnung, die maximal mit einem zweiten Mitbewohner zu teilen ist.

„Wir haben Vollbeschäftigung“, erklärt AMS-Chef Anton Kern. Die Arbeitslosenquote liege derzeit bei äußerst niedrigen drei Prozent. „Die, die als arbeitslos gemeldet sind, bekommen oft mehrere Jobs angeboten.“ Das kann also ein Grund sein, warum fürs Gemüseschneiden niemand übrig geblieben ist.

1100 Euro netto, für diese Bezahlung sei kein Inländer zu haben, sagt Kern. „Für Inländer ist das nicht attraktiv genug.“ Das AMS geht laut eigenen Angabe aber sehr konsequent vor, wenn zumutbare Jobs nicht angenommen werden. „Als Sanktionen gelten dann das Streichen der Arbeitslosen oder der Mindestsicherung.“ Außerdem zieht das AMS Kontrolltermine ein. Selbst wenn ein Dienstverhältnis ungerechtfertigt seitens des Arbeitnehmers gelöst wird, kann das Arbeitslosengeld 28 Tage lang gestrichen werden.

Heuer wurde bereits in 4561 Fällen die Unterstützung vorübergehend eingestellt, das sind um fünf Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Insgesamt hat das AMS im Jahr 2018 exakt bei 8303 Fällen Sanktionen ausgesprochen. Die Zahl ist mit einem sehr hohen Niveau an Beschäftigungen in Relation zu setzen. Insgesamt gibt es in Tirol 352.837 Beschäftigungsverhältnisse.

Gemüseproduzent Giner steht auch nach drei Wochen immer noch ohne zusätzlichen Mitarbeiter dar. Tatsächlich fanden sich unter den 25 an ihn vom AMS Gemeldeten überwiegend ausländische Namen. Einheimische würden sich bei ihm kaum welche melden. „Früher hatten wir sechs Hausfrauen aus Thaur, die vormittags in der Produktion gearbeitet haben, heute sind keine mehr zu finden.“ Giner muss also weitersuchen.

Zwei Branchen, die sehr am Hilfskräfte- und Facharbeitermangel leiden, sind die Gas­tronomie und die Hotellerie. „Zum Teil sind die Probleme hausgemacht“, räumt Mario Gerber, Sprecher der Hotellerie in der Wirtschaftskammer, ein. „Es gibt aber auch welche, die die soziale Hängematte auskosten. Welche, die Jobs zusagen und dann bei einem anderen anfangen, weil der mehr bezahlt.“

Unantastbar ist für Gerber, dass, die, die nicht arbeiten könnten, unterstützt gehörten. Der Hotelier wehrt sich gegen Schwarz-Weiß-Malerei. „Das Problem ist vielschichtig und hat viele Schattierungen.“ Damit Arbeitskräfte zu bekommen seien, müsse die Bezahlung adäquat sein, und Arbeit als solche brauche wieder mehr Stellenwert. „Arbeiten muss anerkannt werden. Ohne Arbeiten wird’s nicht gehen“, meint er.