Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 20.10.2019


Tirol

Gesucht im Tourismus: Mitarbeiter, die auch bleiben

Eine Tiroler Genossenschaft will im europäischen Ausland Tourismusmitarbeiter finden, sie schulen und sie langfristig an die Betriebe binden.

Eine neue Tiroler Privatinitiative hat eine Offensive gestartet, um im Ausland nachhaltig Tourismusmitarbeiter zu finden.

© iStockphotoEine neue Tiroler Privatinitiative hat eine Offensive gestartet, um im Ausland nachhaltig Tourismusmitarbeiter zu finden.



Von Max Strozzi

Innsbruck — Der Mitarbeitermangel im Tiroler Tourismus hat nun auch eine Privatinitiative auf den Plan gerufen. Unternehmensentwicklerin Karin Lindner hat mit drei weiteren Experten eine Genossenschaft gegründet, die in mehreren europäischen Ländern Mitarbeiter anwerben, sie schulen und langfristig an die Mitgliederhotels und -gastronomen binden will: vom Koch über Kellner, Sommeliers, Barchefs, Housekeeper bis zu Hausmeistern und Abwäschern. „Es ist die erste private Initiative, die das Mitarbeiterproblem nachhaltig und langfristig in den Griff kriegen will", erklärt Initiatorin Karin Lindner. Die vier Gründer hätten alle langjährige Erfahrung im Tourismus — in Beratung, Training und Coaching.

„Atract", so der Name des Projekts, ziele auf langfristige Bindung der Mitarbeiter an die Betriebe ab. Derzeit gebe es zwar Einzelinitiativen, um aus dem Ausland Mitarbeiter für den Tourismus anzuwerben, die aber nur Teilaspekte abdecken würden. Etwa nur die reine Jobvermittlung oder nur den Personal-Verleih oder nur die Aus- und Weiterbildung. „Meist fehlt dabei aber die langfristige Bindung, darum haben wir unser Projekt gestartet", sagt Lindner: „Wir wollen die Menschen nicht wieder verlieren."

Die Gründer von Atract (v. l.): Alexander Prachensky (comdesign.net), Karin Lindner (Institut f. Unternehmensentwicklung), Josef Kirchmair (hgcgroup), Alfred Gunsch (siplan.at).
Die Gründer von Atract (v. l.): Alexander Prachensky (comdesign.net), Karin Lindner (Institut f. Unternehmensentwicklung), Josef Kirchmair (hgcgroup), Alfred Gunsch (siplan.at).
- fotoruth.at

Das Projekt ist in mehreren Stufen aufgebaut, erklärt Lindner. In fünf Ländern — Spanien, Italien, Rumänien, Slowakei und Portugal — seien zunächst je ein Scout unterwegs, der Kontakt mit Arbeitsämtern und Tourismusschulen aufnimmt sowie am freien Markt über Netzwerke, Community etc. nach Personen mit Interesse an Tourismusjobs sucht. Eine einschlägige Ausbildung und Deutschkenntnisse seien keine Bedingung. „Es werden ja nicht nur Fachkräfte gesucht, sondern auch Menschen für einfache Arbeiten", sagt Lindner. Zunächst werde nach Ausbildungsniveaus eingeteilt: Einsteiger, Praktiker und Experten. In einem „Trainingscamp" werden dann etwaige fachliche Ausbildung (Küche, Zimmer, Service) ergänzt und Deutschunterricht erteilt sowie das Alltagsleben in Österreich erklärt: Wo man einkauft, ein Bankkonto eröffnet etc. Schließlich kommt es zu einem „Crew-Dating", bei dem Betriebe und Mitarbeiter zusammenkommen. „So ähnlich wie Speed-Dating", schildert Lindner.

Die ersten 30 potenziellen Mitarbeiter, vorwiegend aus Spanien, kommen Anfang Dezember zum Trainingscamp nach Tirol. Im Frühjahr 2020 sei das zweite Camp mit mehr Teilnehmern geplant. „Wir haben Kapazitäten für 150 Mitarbeiter", so Lindner. Man wolle ein ganzjährig laufendes Camp aufbauen, sieht sich aber nicht als Konkurrenz zu Bildungseinrichtungen und Zertifizierern, sondern als Ergänzung dazu.

Dass das ganze Projekt genossenschaftlich aufgebaut ist, habe mehrere Gründe. „Wir wollen das Miteinander umsetzen und aktiv sein. Außerdem müssen die Mitgliedsbetriebe ein Fairnessprogramm durchlaufen, bei dem wir uns beispielsweise anschauen, wie sie mit Mitarbeitern umgehen", erklärt Lindner. Anfragen gebe es aus Tirol, Salzburg und Vorarlberg. Lindner geht davon aus, dass heuer etwa 15 neue Mitglieder der Genossenschaft beitreten werden, darunter seien auch „namhafte Gastronomen. Ich sehe für Atract langfristig ein Potenzial für mehrere tausend Mitglieder — auf jeden Fall für mehrere hundert in den nächsten zwei bis drei Jahren." Alleine in Tirols Tourismusbetrieben würden 7000 bis 10.000 Mitarbeiter fehlen.

Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern zahlen jährlich 500 Euro Mitgliedsbeitrag, mit dem auch diverse Leistungen verbunden seien, sowie je nach Unternehmensgröße bis zu sieben Genossenschaftsanteile zu je 1000 Euro. Bei einem Austritt erhalte man die Anteilsgelder wieder zurück.