Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.11.2016


Exklusiv

Bauernsterben: Alle dreieinhalb Stunden sperrt einer zu

Landwirtschaft fern aller Klischees: Eine Dokumentation widmet sich der Probleme der Bauern. Das Resümee: So kann’s nicht weitergehen.

© boehmEnorme Gegensätze, doch alle leiden, wie „Bauer unser“ aufzeigt. Große Betriebe sind oft sehr hoch verschuldet.Fotos: © Allegro Film



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – „Die österreichischen Schinken sind im Prinzip Brasilianer.“ Ist es diese Bemerkung von Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft über die heutige, „globale Arbeitsteilung“, die einen Wendepunkt markieren kann? Oder braucht es doch die erschreckend klaren, desillusionierenden Worte von Martin Häusling, Mitglied des Europäischen Parlaments und Biobauer, der meint: „Da geht’s um ein Milliardengeschäft. Da denkt keiner an den kleinen Bauern im Dorf. Es geht um das ‚Big Business‘. Für einige ist die Rechnung aufgegangen, und die lobbyieren in Brüssel massiv.“ Oder ist es die schlichte Feststellung von Alfred Haiger, Univ.-Prof. i. R. der Boku in Wien, dass ein Liter Milch billiger sei als ein Liter Mineralwasser, die zeigt: Da ist etwas total schiefgelaufen, so kann es nicht weitergehen.

„Es ist klar, dass eine ganz andere Richtung eingeschlagen werden muss – im Sinne aller“, sagt Robert Schabus, Regisseur der Filmdokumentation „Bauer unser“. Er hat Landwirte aus ganz Österreich auf ihren Höfen besucht und mit verantwortlichen Politikern in mehreren europäischen Ländern gesprochen. Zur Kino-Premiere ist der Kärntner Bauernsohn nach Innsbruck gekommen und erklärt dabei, warum sein Film eine „gesellschaftliche Notwendigkeit“ sei: „Ein Bauernhof, das ist nicht nur ein Arbeitsplatz. Seine Bedeutung ist viel größer.“

Die Gesellschaft verliere mit der kleinstrukturierten Landwirtschaft viel mehr als nur die Produkte aus der Region und die Bauern selbst. Es gehe um Artenvielfalt, das soziale Netz im ländlichen Raum, Selbstversorgung, ökologische Zusammenhänge – um gemeinschaftliches Gut. Um das zu unterstreichen, habe er „Bauer unser“ als Filmtitel gewählt. Aber es geht nicht nur um uns: „Eine der schlimmsten Folgen der neoliberalen Politik ist das Leid der Landbevölkerung im globalen Süden – ein Auslöser der Migrationsbewegungen nach Europa. Das Problem ist von uns gemacht.“

Wer gemeint hat, dass es zumindest den heimischen Bauern gut gehe, wird eines Besseren belehrt: „Sie leiden alle! Die Stundenlöhne in der Landwirtschaft liegen zwischen 0 und 3 Euro.“

Martin Suette ist ein Kärntner Schweinbauer mit inzwischen 1300 Mastplätzen. „Aber er kann nicht davon leben! Wenn seine Schweine abgeholt werden, weiß er, dass er Tausende Euro draufzahlen wird – neun Euro pro verkauftem Tier.“ Viele sind den Aufrufen gefolgt, die zum Investieren, zum Wachstum aufforderten. Sie haben hohe Kredite aufgenommen und sind nun daran gebunden.

„Ich wollte aufzeigen, was auf dem Weg zwischen Landwirt und Konsumenten passiert, wer verdient und welche Abhängigkeiten entstehen“, sagt Schabus. Es gebe keine Kostenwahrheit mehr, die Milch müsste mindestens doppelt so viel kosten. „Man könnte behaupten, dass die Subventionen für die Bauern eine indirekte Förderung des Konsums sind, damit den Leuten mehr Geld bleibt für anderes.“

Während der Dreharbeiten hätte ihn weniger die Industrialisierung erschreckt, der Stall für 165.000 Hühner, sondern „dass jene, die investieren, auch nicht mehr davon leben können. Die Liberalisierungsschiene der EU ist sehr problematisch und eine Sackgasse!“

Ewald Grünzweil ist Milchbauer in Oberösterreich. Er hat ausgerechnet, dass seit 1995 allein in Österreich 55.000 Milchviehbetriebe zugesperrt haben. „Wenn du das auf Stunden umrechnest, dann ist das einer alle dreieinhalb Stunden – 20 Jahre lang.“

Düngemittel- oder Landmaschinenindustriebetriebe, die Landwirtschaftsschulen mit Informationen beliefern. International agierende Konzerne, die großen Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger nehmen. Schabus wollte das in der Werbung gezeigte, schöne Bild vom idyllischen Landleben entlarven. „Wo die Bauern noch mit Ackergeräten in der Hand auf dem Feld stehen, Kühe auf der Weide grasen und Schweindln frei herumlaufen. Das gibt es so nicht mehr. Hinter die Fassade zu blicken, war ein Grund für mich, diesen Film zu machen.“

Aber es gibt auch Hoffnung, etwa wenn die Biobäuerin Maria Vogt sagt: „Kleine Formen der Landwirtschaft werden in 20 Jahren ein gutes Leben haben.“ – „Bauer unser“ läuft ab 11. November im Leokino in Innsbruck.