Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 28.11.2016


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„In 15 Jahren wächst Wien um Graz“

Tiroler Experten diskutierten über die Zukunft des Städtebaus am Beispiel Wiens: In flexiblem Wohnraum, Wohngemeinschaften für Ältere und sozialem Bau sehen sie Lösungen für künftige Herausforderungen.

© X00360Wien führt das "Qualitiy of Living"-Ranking an.



Wien – Die Bevölkerung in Österreich wird in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen. Wien und Tirol etwa werden laut neuester Prognose der Statistik Austria ein überdurchschnittlich starkes Bevölkerungswachstum aufweisen. Grund genug, um über Städtebau nachzudenken. Bei einer Podiumsdiskussion in Wien diskutierten Tiroler Experten über die Zukunft des Städtebaus am Beispiel der Bundeshauptstadt. Dazu eingeladen hatte der Club Tirol.

In Krisenzeiten würden die Menschen in die Städte drängen, eröffnete die gebürtige Osttirolerin Brigitte Jilka, Stadtbaudirektorin der Stadt Wien, die Runde. Es gebe viele Gründe: Flucht, Arbeit, aber auch die Anonymität der Großstadt würden die Menschen locken.

Derzeit wächst Wien aufgrund der positiven Geburtenbilanz und der Wanderung, womit auch die Binnenwanderung beispielsweise wegen der Ausbildung gemeint ist. Eine weitere große Herausforderung sei, dass es „einen massiven Anstieg an Ein-Personen-Haushalten“ gebe. Die Wohnfläche pro Person liege derzeit bei 38 m² – „eine ungeheure Aufgabe“, so Jilka. Um den Wohnbedarf auch weiterhin abdecken zu können, würden derzeit mehrere Maßnahmen ergriffen.

So werden laut Jilka Büros in Wien zu Wohnungen umgebaut, die Stadt wird in der Peripherie erweitert und Bestandswohnungen optimiert – beispielsweise leer stehende Dachgeschoße in Wohnungen umgebaut. Um auch für die Zukunft gewappnet zu sein, müssten Grundrisse laut Jilka flexibel sein. Auch sollen so genannte „shared services“ ausgebaut werden. Das bedeutet Wohngemeinschaften für alle – also auch für Ältere, die sich ein Auto, aber auch die Pflege teilen. Hinzu kommen der Schulbau und die Erweiterung bei öffentlichen Verkehrsmitteln.

Für den Innsbrucker Architekten Peter Lorenz sind Städte eine europäische Erfindung. Somit sind sie für ihn „das Wichtigste, was wir als Kultur erfunden haben“. Seiner Meinung nach „wächst Wien besser als andere europäische Städte“. Das habe damit zu tun, dass Wien „korruptionsfrei“ sei. „Das gibt es so auch nicht mehr woanders“, fügte Lorenz hinzu. Darüber hinaus sei Wien Weltmarktführer im sozialen Wohnbau. Deshalb sei die Lage in der Bundeshauptstadt auch viel besser als in Paris, sagt er mit Blick auf die Pariser Vororte als soziale Brennpunkte.

„In 15 Jahren wird in Wien eine Stadt gebaut, die größer ist als Graz“, verdeutlichte der grüne Gemeindepolitiker in Wien, Christoph Chorherr, die Herausforderungen in der Stadtentwicklung. Deshalb sollten „wir auch Häuser bauen, die umnutzbar sind“, so Chorherr. Warum? „Weil wir keine Ahnung haben, wir wir später wohnen werden.“ (sas)