Letztes Update am Mo, 24.04.2017 12:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kapitalmarkt

Frankreich-Wahl: Entspannung nach Macron-Etappensieg

Erste-Group-Chefanalyst Friedrich Mostböck sieht in dem Ausgang der Vorwahl in Frankreich ein positives Zeichen für die EU und den Euro.

Der europafreundliche Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron (Bild) und die Chefin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, gehen in die Stichwahl um das Präsidentenamt in Frankreich.

© ReutersDer europafreundliche Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron (Bild) und die Chefin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, gehen in die Stichwahl um das Präsidentenamt in Frankreich.



Wien, Paris – Der Etappensieg des europafreundlichen französischen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron wirkt sich positiv auf die Europäische Union und den Euro aus, „es handelt sich um ein positives Zeichen für EU und Euro“, sagte der Chefanalyst der Erste Group, Friedrich Mostböck, am Montag im APA-Gespräch. Das Ergebnis helfe Frankreich, Italien und Spanien bei Staatsanleihen.

Passiere nichts außergewöhnliches wie Terroranschläge, die der Macron-Gegnerin Marine Le Pen helfen könnten, sei von der Wahl Macrons und seines proeuropäischen Kurses auszugehen, so Mostböck. Eine gewisse Bremse könnte nach dessen Wahl das Ergebnis der dann noch im Juni stattfindenden Parlamentswahlen werden, gab der Erste-Group-Experte zu bedenken.

Denn nach dieser könnten beispielsweise die Konservativen den Premierminister stellen - die Präsidentenwahl habe der Konservative Francois Fillon als Person verloren, nicht die Partei. Bei den Sozialisten hingegen sei die Partei diesmal abgewählt worden.

Fazit: „Eine Erleichterung ist feststellbar. Die politischen Unsicherheiten sind etwas gesunken, wenn auch nach wie vor vorhanden. Zuerst muss Macron noch feststehen: Wenn er wirklich gewählt wird, ist mit einem weiteren Renditeanstieg bei deutschen Zinsen und einem weiteren Rückgang bei französischen wie auch italienischen und spanischen Zinsen zu rechnen“, so Mostböck.

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Raiffeisen Research teilte in einer Aussendung am Montag mit, dass die Finanzmärkte in den vergangenen Wochen ein „Worst-Case-Szenario“ mit einem Duell der extrem rechten Le Pen mit dem Linksaußen-Kandidaten Jean-Luc Melenchon bereits eingepreist hätten, das in den Tagen vor der Wahl großteils wieder ausgepreist worden sei.

Die asiatischen Börsen legten heute Früh jedenfalls ebenso wie die US-Aktienmarkt-Futures deutlich zu. Genauso deutlich im Plus dürften heute auch die europäischen Börsen in den Handel starten, so Raiffeisen. „Bei Staatsanleihen und Währungen erwarten wir heute eher eine moderate Marktreaktion.“

„Das Schlimmste erst einmal verhindert“

Der Wirtschaftsforscher Michael Hüther sieht im Ausgang der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich ermutigende Signale für Europa. „Die Achse Paris-Berlin kann wieder zu einem starken Motor werden. So ist das Schlimmste erst einmal verhindert worden“, erklärte der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

„Freilich: die zweite Runde in 14 Tagen muss erst noch gewonnen werden“, hob Hüther hervor. „Und dann beginnt die Arbeit in einem wirtschaftsstrukturell schwach aufgestellten Land.“ Dabei werde Deutschland eine wichtige Rolle der Kooperation zukommen.

Im ersten Wahlgang hatte sich am Vortag der sozialliberale Kandidat Emmanuel Macron gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen durchgesetzt. Er geht damit als Favorit in das Rennen um das Präsidentenamt in Frankreich. Die Franzosen haben damit am 7. Mai die Wahl zwischen der europafeindlichen Linie Le Pens und dem Deutschland- und EU-freundlichen Programm Macrons. (APA, TT.com)

Ökonomen zum Wahlausgang in Frankreich:

Ifo-Chef Clemens Fuest: Macron wolle den Staatssektor in der französischen Wirtschaft verkleinern und bessere Bedingungen für Investitionen und Beschäftigung erreichen. (...) „Ob er diese Reformen umsetzen kann, wird davon abhängen, ob es ihm gelingt, auch die Parlamentswahlen zu gewinnen."

(...) Dennoch sei beunruhigend, dass über vierzig Prozent der Franzosen radikale und europafeindliche Kandidaten gewählt hätten.

Marcel Fratscher, DIW-Präsident: „Das Resultat ist ein vielversprechendes Zeichen auch für Deutschland und Europa. Es wird in der Wirtschaft und den Finanzmärkten ein kollektives Aufatmen auslösen.

(...) Ich erwarte eine positive Reaktion der Finanzmärkte und des Euro auf die erste Runde der französischen Wahlen. Mit dem Resultat steigen die Erwartungen auch an die Bundesregierung, sehr bald nach der zweiten Wahlrunde mit dem neuen französischen Präsidenten einen konkreten Plan zur Reform der EU und der Beendigung der europäischen Wirtschaftskrise vorzulegen."

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt: „Es ist nicht zu einem Horror-Ergebis gekommen, das die Stabilität der Währungsunion bedroht hätte. Es werden nicht Links-und Rechtsradikale gemeinsam in die zweite Runde gehen. Das ist sehr gut.

(...) „Macron ist aber kein Heilsbringer und kein echter Reformer. Er scheut vor tiefgreifenden Reformen am Arbeitsmarkt zurück. Insbesondere die hohe Jugendarbeitslosigkeit ist ein großes Problem. Auch seine Pläne zur Haushaltskonsolidierung sind vage."

Ulrich Stephan, Deutsche Bank: „Es herrscht eine gewisse Erleichterung, dass Emmanuel Macron in die Stichwahl geht. (...) Frankreich hat allerdings einige Herausforderungen zu meistern — vor allem ökonomische. Klar ist: In zwei Wochen Wahlkampf kann noch viel passieren."

Blackrock Investment Institute: „Wir gehen davon aus, dass französische Staatsanleihen sich im Vergleich zu deutschen Staatspapieren erholen. Gleichzeitig erwarten wir, dass die Renditen von Bunds als sichere Häfen ihre jüngsten Rücksetzer teilweise wieder gutmachen und dass die Renditen insgesamt steigen."