Letztes Update am So, 28.01.2018 14:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Milchmarkt

EU sitzt auf hunderttausenden Säcken Milchpulver fest

Nach Ende der Milchpreiskrise steht die EU vor der Entscheidung, was sie mit den gekauften 400.000 Tonnen anfangen will. Ein Verkauf brächte Verluste und könnte den Milchmarkt erneut destabilisieren.

© APA/dpa/Carsten RehderSymbolbild



Brüssel – In einem Lagerhaus im Osten Belgiens stapeln sich hunderttausende Säcke Milchpulver auf 10.000 Quadratmetern. Und das ist nur ein kleiner Teil dessen, was Milchbauern und Molkereien der gesamten Europäischen Union schlaflose Nächte beschert. Seit Juli 2015 hat die EU einige hundert Millionen Tonnen Milchpulver gekauft um die drastisch sinkenden Milchpreise zu stabilisieren.

Doch jetzt ist die Sorge groß, dass ein Verkauf der eingelagerten 380.000 Tonnen Milchpulver den turbulenten Milchmarkt weiter destabilisiert. In den vergangenen Jahren hatten die Milchbauern mit einem enormen Preisverfall zu kämpfen. Nachdem die EU-Milchquote mit festen Produktionsmengen für jedes Mitgliedsland 2015 ausgelaufen war, wurde in Europa zu viel Milch produziert. Das drückte die Preise und bedrohte die Existenz vieler Milchbauern. Die EU versuchte deren Situation auch damit zu bessern, dass sie Bauern Milch abkaufte und als Magermilchpulver einlagerte.

Der Chef des europäischen Dachverbands der Milchproduzenten EMB, Romuald Schaber, kann das zwar nachvollziehen: „Es macht Sinn, Milchpulver bei Produktionsspitzen abzuschöpfen und zu einem späteren Zeitpunkt, sobald der Markt sich wieder entspannt hat und die Nachfrage steigt, zu verkaufen“, erklärt er. Doch jetzt ist Schaber besorgt: Das Milchpulver stehe einer langfristigen Markterholung entgegen.

Preis für Milchpulver um ein Drittel eingebrochen

Denn während sich der Milchpreis stabilisiert hat, ist der Preis für Milchpulver binnen eines Jahres um ein Drittel eingebrochen. Und so sitzt die EU auf Massen des unbeliebten Produktes. Fast 66.000 Tonnen werden übrigens in Deutschland gelagert – mit rund 30 Milliarden Litern Milch der größte Produzent innerhalb der EU.

In dem Lager im belgischen Herstal türmen sich die Säcke. „Als ich hier ‚reinkam und all das sah, bin ich fast umgefallen – so fassungslos war ich“, sagt Landwirt Erwin Schoepges, der für Belgien im EMB sitzt.

Seit über einem Jahr will die EU den Zustand ändern und die Säcke loswerden. Das ist allerdings nicht einfach– erstens aus Furcht, dass der Markt zusammenbricht, und zweitens, weil kaum Interesse besteht. Im vergangenen Jahr konnten nur 220 Tonnen verkauft werden. In diesem Jahr wurde die EU immerhin schon 1900 Tonnen los.

Sechs bis neun Cent Verlust pro Kilo

Allerdings ist ein Verlustgeschäft bei den niedrigen Milchpulverpreisen kaum vermeidbar – Schoepges zufolge hatte die EU das Pulver für 18 bis 20 Cent pro Kilo gekauft und für nur elf bis zwölf Cent verkaufen können. „Wenn man der Chef eines Unternehmens ist und so arbeitet, muss man einige Fragen beantworten“, kritisierte der belgische Landwirt.

Der Verband der Milchbauern fordert von der EU daher ein Kriseninstrument - der Markt müsse beobachtet werden, bei Krisengefahr könne etwa ein freiwilliger Lieferverzicht geschaltet und die Produktionsmenge gedeckelt werden, so die Vorstellung. Beim Treffen der EU-Landwirtschaftsminister am Montag steht das Thema auf der Tagesordnung. (APA/AFP)




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