Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 20.05.2018


Markt

Panini-Mania: Fans geben Millionen für Papierbilder aus

Ein Panini-Album, vollgeklebt mit den Fußballstars der aktuellen Weltmeisterschaft, lässt Jung – aber auch Älter – sammeln. Für die Pickerln wird viel Geld ausgegeben.

© Thomas BöhmWer seine Pickerl sortiert, spart Zeit und Nerven.



München, Modena – WM-Jahre sind Panini-Jahre. Auch vor der Fußballweltmeisterschaft in Russland sind beträchtliche Teile der Bevölkerung vom Sammelfieber ergriffen. Panini nennt keine Zahlen. Aber in Buch- und Zeitschriftenläden, an Kiosken und Tankstellen werden Abermillionen von Papieraufklebern mit den Fotos der WM-Spieler für die Sammelalben des italienischen Unternehmens verkauft.

Forscher fragen sich: Warum sind Menschen bereit, Geld für ein eigentlich viel zu teures Produkt auszugeben? Denn die Fans investieren in ihre Panini-Alben oft ein Vielfaches der Summe, die sie für ein vergleichbares Buch mit Spielerfotos ausgeben würden. Eine Beispielrechnung: Neunzig Cent kostet jede Tüte mit fünf Bildern, in jedes Album passen 682 Aufkleber, das ergibt Mindestkosten von 122 Euro für ein vollständig gefülltes Panini-Album. Tatsächlich sind die Kosten noch ungleich höher, weil sich mit fortschreitender Vervollständigung des Albums die doppelten Aufkleber häufen. Füllen eine Million Fans ihre Alben, brauchen sie dafür 682 Millionen Bilder – entspricht einem Mindestumsatz von gut 122 Millionen Euro. In den Hochzeiten produziert Panini in der Firmenzentrale in Modena für den weltweiten Vertrieb täglich sieben bis acht Millionen Tüten. Umsatz und Auflage in Deutschland nennt die Firma nicht.

„Man lernt alle Spieler kennen, und es macht Spaß, zu sammeln“, erklär­t der zwölf Jahre alte Schüler Felix, der mit Hilfe der Aufkleber die Körpergröß­e prominenter Fußballstar­s auswendig gelernt hat – Cristiano Ronaldo 1,87 Meter, Manuel Neuer 1,93. Doch sammeln keineswegs nur Minderjährige. Viele Erwachsene bewahren sich das Sammelfieber aus der Kindheit: „Für mich ist der Reiz, in einigen Jahren wieder hineinschauen zu können“, sagt Wolfgang Franke, als Controller in einem oberbayerischen Forschungszentrum Fachmann fürs Geld.

Verena Hüttl-Maack, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hohenheim, nennt Gründe, warum die Fans so viel Geld ausgeben. „Ein Faktor könnten die Nostalgie und die Erinnerung an die eigene Kindheit sein. Ein zweiter, der so genannte Ikea-Effekt: Die Leute halten einen Tisch für wertvoller, den sie selbst zusammengebaut haben“, sagt die Wissenschafterin. Außerdem: „Es ist nachgewiesen, dass die Auflösung der Neugierde positive Emotionen erzeugt, auch wenn das Resultat am Ende gar nicht so großartig ist. Man empfindet eine Art Belohnungseffekt.“ Das Geschäftsmodell funktioniert offensichtlich prächtig.

„Seit den Werksanfängen in den Siebzigern hat Panini in Modena schätzungsweise 25 Milliarden Tütchen produziert“, berichtet ein Sprecher der deutschen Panini-Zentrale. Mittlerweile ist Panini zu einer WM in mehr als 130 Ländern präsent. Größter Einzelmarkt ist das fußballverrückte Brasilien. Und die Preise steigen von WM zu WM kräftig. 2014 kostete eine Tüte noch 60 Cent. „Sobald der Beutel Sticker über einen Euro kostet, höre ich auf“, meint Panini-Sammler Franke. (dpa)