Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 03.06.2018


Exklusiv

Tiertransporte: „Viel Leid und viele Lkw“

25 Millionen Lebendtiere wurden 2016 durch Österreich transportiert. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) fordert kürzere Transportzeiten, bessere Transportbedingungen und mehr Kostenwahrheit auf der Straße.

© iStockphotoIn der EU dürfen Lebendtiere (Rinder, Schafe, Ziegen) bis zu 30 Stunden transportiert werden, Schweine bis zu 24 Stunden ohne eine einzige Ruhepause.Foto: iStock



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien — Manche Transporte nehmen „absurde Ausmaße an", sagt Christian Gratzer, Pressesprecher des VCÖ. So werden laut Gratzer Schweine aus Ostdeutschland durch Österreich nach Italien transportiert, um dort zu Schinken oder Speck verarbeitet zu werden und ein Teil davon geht wieder durch Österreich retour nach Deutschland. Und die Zahl der Tiertransporte auf der Straße nimmt weiter zu: Waren es 2014 noch rund 21 Millionen Tiere, die als Zucht-, Mast- oder Schlachttiere nach Österreich importiert oder aus Österreich exportiert wurden, erhöhte sich laut aktueller VCÖ-Analyse diese Zahl 2016 auf rund 25 Millionen Tiere.

In der EU und damit auch in Österreich dür­-f­en Rinder, Schafe und Ziegen grenzüberschreitend bis zu 30 Stunden transportiert werden, bei Schweinen sind „sogar bis zu 24 Stunden ohne eine einzige Ruhepause erlaubt", kritisiert Gratzer. Um die „Transporte, die enorm viel Tierleid und auch viele Lkw-Fahrten verursachen", zu verringern, fordert VCÖ-Expertin Ulla Rasmussen bessere Transportbedingungen. „Die Tiere haben viel zu wenig Platz. Für ein Kalb bis 50 Kilogramm ist nur eine Mindestfläche von 0,4 Quadratmetern vorgesehen". Zudem sollte die Dauer der grenzüberschreitenden Tiertransporte „auf acht Stunden beschränkt werden".

Von den Transporten sind natürlich nicht nur Tiere, sondern auch Menschen betroffen, „und da besonders die Tiroler, denn gerade die Brenner­autobahn ist die wichtigste Verbindung auf der Nord-Süd-Achse", so Gratzer. Daher brauche es schnellstmöglich „ein Umdenken in der EU und Österreich sollte den EU-Vorsitz nutzen, um dieses Umdenken in die Wege zu leiten", sagt Rasmussen.

Damit künftig weniger Tier-Lkw auf der Straße sind, „die Abgase und Lärm verursachen", braucht es Kostenwahrheit, und das heißt: „Es braucht genauso wie bei der Mineralölsteuer, wo es Mindeststeuersätze in der EU gibt, eine EU-wei- te Mindestmaut. Tirol allein kann diesen Schritt nicht gehen, um die Lkw-Fahrten zu reduzieren und damit den Transit- verkehr zu reduzieren". Neben besseren gesetzlichen Regelungen könnte auch jeder Einzelne durch ein bewusstes Konsumverhalten zu Verbesserungen beitragen. „In Österreich werden pro Person und Jahr im Schnitt 65 Kilogramm Fleisch gegessen. Wer beim Fleischkonsum auf regionale Herkunft achtet, erspart den Tieren stundenlange Transporte, trägt zur Verringerung des Lkw-Verkehrs bei und stärkt die Landwirte aus der Region", betont Rasmussen. Durch ein wenig Verzicht auf Fleisch wird auch der Bedarf an Futtermitteln reduziert, denn auch diese Transporte verursachen Transitverkehr. „Österreich importiert jährlich 400.000 Tonnen Sojaschrot für Futtermittel. Davon hat ein Großteil mehr als 10.000 Transportkilometer hinter sich, weil es aus Südamerika importiert wird", erklärt Gratzer.

Tausende Tiroler Kälber exportiert

Auch der Verein gegen Tierfabriken fordert in einer Petition, dass Kälber, die noch nicht von der Mutter entwöhnt sind, nicht transportiert werden dürfen, weil sie auf den Lkw nicht versorgt werden können und der Transport zu stressig ist. Für die älteren Kälber sollten die Transportzeiten auf maximal 8 Stunden begrenzt werden (die TT berichtete). „Der Weg in die riesigen Masthallen in Italien und Spanien ist qualvoll. Unentwegt schreien die Kälber nach ihren Müttern. Sie müssen pausenlos stehen und können weder trinken noch essen, da sie noch zu jung sind, um Wasser und feste Nahrung zu sich zu nehmen", erzählte Tobias Giesinger vom Verein gegen Tier­fabriken der Tiroler Tageszeitung. Für die männlichen Milchkälber gibt es kaum Verwendung und sie werden daher zum Großteil ins EU-Ausland zur Mast transportiert. Laut Protokollen der Tiroler Veterinärmediziner wurden vergangenes Jahr 19.000 fast ausschließlich männliche Milchkälber direkt oder über ein anderes österreichisches Bundesland vor allem nach Italien, aber auch nach Spanien gebracht. Tausende Tiroler Exportkälber sind u. a. von einer Sammelstelle im Zillertal von einem Tiroler Transporteur ins Ausland gebracht worden, zeigen Dokumente. (wa)