Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.06.2018


TT-Interview

Michael Kirchler: “Investoren sehen kaum Risiko“

Wer seine Bitcoins rechtzeitig verkauft hat, hat immens profitiert. Für die Finanzmärkte ist der Bitcoin bedeutungslos.

© Michael KristenProf. Michael Kirchler analysiert Spekulationsblasen.Foto: Kristen



So richtig kann man sich immer noch nicht vorstellen, was ein Bitcoin — also virtuelle Währung — ist. Ist der Wert einer solchen Währung tatsächlich real?

Michael Kirchler: Man kann Bitcoins an diversen Börsen in beispielsweise Euro, US-Dollar oder japanischen Yen kaufen oder verkaufen. Im Vergleich zu anderen Gütern wie Rohstoffen (Gold, Reis, Mais) steht allerdings kein direkter Gebrauchswert im Hintergrund. Zudem akzeptieren de facto keine großen Unternehmen Bitcoin als Zahlungsmittel für Produkte oder Dienstleistungen.

Warum werden dann überhaupt Bitcoin gekauft und erleben einen Boom?

Kirchler: Was bleibt, ist primär der Spekulationsaspekt und die Hoffnung, dass man den gekauften Bitcoin in der Zukunft zu einem höheren Preis wieder verkaufen kann. Zudem ist es ein recht enger Markt — der im vergangenen Jahr noch zudem medial stark gehyped wurde — mit einem begrenzten Bitcoinangebot. Das sind alles Voraussetzungen für eine Spekulationsblase, und das Platzen derer haben wir um die Jahreswende wohl erlebt. So fiel der Bitcoinpreis von rund 20.000 US-Dollar auf unter 7000 US-Dollar innerhalb weniger Wochen. Vorher hat sich der Preis im Jahre 2017 verzehnfacht.

Gab bzw. gibt es Auswirkungen dieses Platzens der Bitcoin-Blase?

Kirchler: Diese Blase hat zu einigen Vermögensumschichtungen derer geführt, die in Bitcoin gehandelt haben. Einige, vor allem diejenigen, die diese Kryptowährungen ausgegeben haben, haben immens profitiert und viele haben wohl einiges an Verlust erlitten. Dieser Preisverfall hatte aber keine Auswirkungen auf die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft.

Man hatte das Gefühl, demnächst wird sich der Zahlungsverkehr auf Bitcoins umstellen. Warum gab es keine Auswirkungen?

Kirchler: Der Grund ist, dass Bitcoin ein sehr kleines Phänomen ist, obwohl viel darüber berichtet wird. So betrug der Gesamtwert aller Kryptowährungen am Höhepunkt im Jänner 2018 lediglich ein Prozent des weltweiten BIPs. Zum Vergleich: Der Marktwert lediglich der US-Technologieunternehmen beim Platzen der Dot-Com-Blase im März 2000 betrug ein Drittel des weltweiten BIPs. Somit würde auch ein weiteres Absacken des Preises keine Auswirkungen haben. Zudem sind im Bitcoinmarkt vorwiegend Privatinvestoren aktiv, da institutionelle Investoren entweder nicht investieren dürfen oder die Finger davon lassen. Von daher gab und gibt es auch keine systemischen Effekte wie während der Finanzkrise, da keine großen Banken involviert sind. Das Interessante aus wissenschaftlicher Sicht ist auch, dass hier einige Mechanismen aktiv sind, die schon bei historischen Spekulationsblasen aktiv waren: massive Kapitalzuflüsse, eine Finanzinnovation und übersteigerter Optimismus der Investoren, die kaum Risiken sehen.

Das Gespräch führte Verena Langegger