Letztes Update am Mo, 29.10.2018 07:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Privat Equity

„Österreichs Kapitalmarkt ist völlig unterentwickelt“

Rudolf Kinsky, Anlage-Experte und Präsident der AVCO über den österreichischen Kapitalmarkt und warum es keine Heuschrecken gibt.

© www.BilderBox.comDas Regierungsprogramm sieht eine „Gesamtstrategie Risikokapital“ für Österreich vor.



Private Equity, also privates Beteiligungskapital in Unternehmen, hat immer noch einen schlechten Ruf – Stichwort Heuschrecken. Warum eigentlich?

Rudolf Kinsky: Die Branche hat in den frühen 2000er-Jahren über ein vernünftiges Maß hinaus den Leverage-Hebel angesetzt, also zu viel Fremdkapital aufgenommen, wie im Übrigen viele Unternehmen des Mittelstandes auch. Dann mussten die Banken in der Finanzkrise die Reißleine ziehen und es wurde einiges an Geld verbrannt. Leider entwickelte sich das Märchen, dass Private Equity Fonds die Unternehmen filetierten und sich dann verabschiedeten. Das war nicht der Fall. Je nach Entwicklungsstufe eines Unternehmens haben Banken und Förderungen natürlich ihre Rolle. Nur hat Private Equity und Venture Capital eine wichtige zusätzliche volkswirtschaftliche Bedeutung als Unternehmensentwickler. Sie setzen den Unternehmen ambitiösere Ziele, erreichen damit höhere Wachstumsraten und schaffen mehr Arbeitsplätze als der Durchschnitt der Industrie, nur das wird leider nicht verstanden. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig zu erwähnen, dass die Geldgeber bzw. Investoren der Private Equity Fonds seriöse institutionelle Anleger sind, wie Pensionskassen, Versicherungen und Universitäten, die sehr genau prüfen, wem sie ihr Geld anvertrauen. Das hat die Professionalität der Fonds in den letzten 10 Jahren wesentlich und positiv beeinflusst.

Warum sollte ich als Firma auf Private Equity setzen?

Kinsky: Private Equity ist ein wichtiger Teil des vorbörslichen Kapitalmarktes. Wir wollen im Grunde nichts anderes als die Eigentümer von Familienunternehmen, nämlich, dass ihre Unternehmen überleben und wachsen. Es geht darum, Innovationen zu finanzieren, damit sie wachsen können, also in Großen und Ganzen um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit des Standortes. Viele Unternehmen in Österreich, und das ist in der Historie der Nachkriegszeit begründet, waren und sind Banken-finanziert. So haben heimische Unternehmen durchschnittlich eine Eigenkapitaldecke von 30 Prozent. Und das ist in Wahrheit das absolute Minimum. Hat ein Unternehmen nun entsprechende Wachstums- bzw. Strategiepläne, braucht es naturgemäß zusätzliches Eigenkapital. Und hier kommt Private Equity ins Spiel. Kapitalgeber können dabei private aber auch institutionelle Anleger sein; häufig sind es auf diese Beteiligungsform spezialisierte Kapitalbeteiligungsgesellschaften.

Wie funktioniert ein Private-Equity-Modell?

Kinsky: Wir investieren Eigenkapital, also Kapital, das voll im Risiko steht, und sehen unsere Rolle immer als Partner und Mitunternehmer. Hier gibt es zum einen die Möglichkeit einer Minderheitsbeteiligung bei einer Wachstumsfinanzierung und zum anderen die Übernahme der Mehrheit, letzteres passiert häufig, wenn es um eine Nachfolge geht. Was wir den Firmeneigentümern bzw. deren Management sagen, ist: „Ihr könnt nicht mit zwei, drei Prozent Wachstum dahindümpeln, denn dann überholt euch der Wettbewerb“. Hier sind zehn Prozent Wachstum auf jeden Fall eine Benchmark. Das angestrebte Wachstum funktioniert dann entweder organisch oder durch Zukäufe, meistens durch eine Kombination aus beidem.

Rudolf Kinsky.
- AVCO

Private-Equity-Fonds bewegen meist sehr große Summen. Ist Österreichs Wirtschaft hier nicht zu klein strukturiert, um als Markt interessant zu sein?

Kinsky: Es ist sehr schwierig, ein 10-Mio.-Unternehmen auf 100 Mio. Euro zu bringen. Es ist leichter, von 50 Mio. auf 300 Mio. Euro zu kommen, weil da die kritische Masse schon da ist. Generell haben wir das Problem, dass wir einen völlig unterentwickelten Kapitalmarkt haben. Wir haben viel zu wenig österreichische Fonds und deswegen sind wir abhängig von ausländischen Fonds. Richtig ist, dass Österreich viele fragmentierte Industrien mit Marktteilnehmern hat, die für den internationalen Wettbewerb zu klein sind. Gerade deswegen brauchen wir mehr Risikokapital in Österreich, damit diese Firmen Zukäufe machen und schneller wachsen können.

Und die Lösung aus Ihrer Sicht?

Kinsky: Dass wir in Österreich den Kapitalmarkt brauchen, hat inzwischen, glaube ich, auch die Politik verstanden. Im neuen Regierungsprogramm steht ja auch, dass ein Gesamtstrategie-Risikokapital für Österreich entwickelt werden muss. Wir arbeiten mit einem Expertenteam an einem sogenannten Dachfonds-Konzept, wo wir erreichen wollen, dass sich in Österreich mehr Venture Capital und Private Equity-Fonds ansiedeln, um aus Österreich heraus zu arbeiten, mit dem Argument, dass kapitalhungrige Unternehmen, etablierte Firmen oder Startups, aus Österreich heraus finanziert werden sollten. Wir brauchen dazu auch rechtliche Strukturen, vor allem Änderungen bei Rahmenbedingungen für die Pensionskassen und Versicherungsgesellschaften, damit diese in solche Fonds verstärkt investieren können. Heute investiert kein einziger institutioneller Investor, keine Pensionskasse, keine Versicherungsgesellschaft in den vorbörslichen Kapitalmarkt.

Und es braucht auch steuerrechtliche Änderungen, u.a. zur Incentivierung von Investoren und von Investment-Experten aus dem Ausland, sodass es in Österreich zur Entwicklung eines wettbewerbsfähigen Kapitalmarktes kommen kann. Das ist ein wichtiges Standortthema.

Zur Person

Rudolf Kinsky lebte insgesamt 30 Jahre in New York, London und Frankfurt. Seine Berufserfahrung spannt sich über Investmentbanking (First Boston, Charterhouse), Unternehmensberatung (McKinsey) und Private Equity (3i). Seit 2006 lebt er in Wien. Seine Spezialgebiete sind Wachstumsfinanzierungen für den Mittelstand und Venture Capital Investments.

Heute ist Kinsky Präsident und Geschäftsführer der AVCO (Austrian Private Equity and Venture Capital Organisation) und Senior Partner Österreich für DPE Deutsche Private Equity (München). Zusätzlich unterstützt er Apex Ventures als Mitglied des Advisory Boards und ist damit auch mit Startups und deren Finanzierung engstens vertraut.