Letztes Update am Mi, 07.11.2018 10:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Wirtschaftsexperte Schulmeister: Wenn aus Bullen Bären werden

Wirtschaftsexperte Stephan Schulmeister sieht die drei Bullenmärkte Immobilien, Aktien und Rohstoffe in den Keller rasseln. Das sei 2008 und 1929 der Fall gewesen. Als linker Ökonom will er nicht gelten.

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In Ihrem Buch „Der Weg zur Prosperität“ fordern Sie eine Neuorientierung als Gegenstrategie zum Neoliberalismus. Wie soll die aussehen?

Stephan Schulmeister: Der bisherige Weg, wo man den Sozialstaat abgebaut und den Märkten freien Lauf gelassen hat, hat sich als Sackgasse erwiesen. Das Problem ist, dass die Eliten, die dieses Debakel verursacht haben, es als solches nicht erkennen und wir offenbar die Finanzkrise aus dem Jahr 2008 wiederholen werden.

Sie haben vor mehr als 15 Jahren das Sozialstaatvolksbegehren initiiert. Den Abbau des Sozialstaates sehen Sie also abseits der Regierungskonstellation?

Schulmeister: Die Verschlampung des Sozialstaates, wie ich das gerne nenne, ist ein lang anhaltender Prozess. Damit meine ich, dass Grundprinzipien, die vor 40 oder 50 Jahren noch selbstverständlich waren und zu den Säulen einer christlich-sozialen Gesellschaft gehörten, heute aufgegeben werden. Heute sagt man, man muss den Leuten, deren Mindestsicherung bereits unter der Armutsgrenze von 1100 Euro im Monat liegt, noch einmal etwas wegnehmen und vor allem Asylberechtigte schlechter stellen. Das ist das politische Geschäft, das derzeit gemacht wird.

Sie gelten als linker Ökonom. Stört Sie diese Bezeichnung?

Schulmeister: Die Bezeichnung zeigt nur, dass die Konservativen soziales Engagement für links halten. Okay, in diesem Sinne bin ich natürlich ein Linker, dann ist aber Papst Franziskus ein Linksradikaler. Man kann doch nicht sagen, dass der, der sich um Mitmenschen kümmert und darin auch die Aufgabe eines Staates sieht, ein Linker ist. Der Mensch ist nicht nur für sich alleine, ein Egoist, sondern auch ein soziales, anteilnehmendes Wesen, das ist meine Überzeugung. Die Auffassung der Linken, von Jean-Jacques Rousseau aufwärts, dass der Mensch von Natur aus gut sei und die Gesellschaft habe ihn schlecht gemacht, teile ich überhaupt nicht. Damit kann man mich jagen.

Sie sagen, die Gefahr einer neuen Finanzkrise drohe. Wann sehen Sie diese auf uns zukommen?

Schulmeister: Ich bin Empiriker und sehe mir an, was 2008 passiert ist. Die Finanzkrise damals war das Ergebnis von Business as usual an den Finanzmärkten. Diese produzieren einen Bullen- und einen Bärenmarkt. Damals sind drei Bullenmärkte, nämlich Immobilien, Aktien und Rohstoffe, in drei Bärenmärkte gekippt. Die drei wichtigsten Vermögensarten sind also alle drei gecrasht. Das war auch 1929 der Fall. Dazwischen nie. Wenn man die Entwicklung der letzten neun Jahre ansieht, dann sind die Aktienkurse noch stärker gestiegen als vor 2008, die Immobilienpreise in den USA sind noch höher als vor der Finanzkrise und dann haben wir noch einen dritten Kandidaten: Nämlich die Kurse der Staatsanleihen, die haben totale Höchststände. Staatsanleihen sind die wichtigste Kategorie von Vermögenswerten, sie sind noch wichtiger als Aktien. Vor allem trifft ein Verfall von Staatsanleihen diejenigen, die auf Sicherheit setzten oder an Pensionsfonds beteiligt sind – letztere sind überwiegend in Anleihen investiert.

War die Bankenrettung nach 2008 für Sie der richtige Weg?

Schulmeister: Wenn es brennt, muss die Feuerwehr ausrücken. Das war schon richtig, die Banken zu retten. Aber wenn es immer wieder brennt, muss ich analysieren, warum es so oft brennt. Das hat man nicht gemacht. „Präventiv“ heißt, die systemischen Ursachen erkennen und sich nicht an Sündenböcken zu orientieren.

Die Banken waren also Ihrer Meinung nach nicht schuld?

Schulmeister: Sobald die Politik zuerst die Banken, dann die Ratingagentur, dann Staaten wie Griechenland zum Sündenbock macht, verhindert das die systemische Ursachenforschung.

Warum soll man denn die nicht machen wollen?

Schulmeister: Das ist ganz einfach zu erklären. Die Finanzmärkte sind die freiesten Märkte und kommen dem idealen Markt der Wirtschaftstheorie am nächsten. Den Gedanken, dass die freien Märkte an manisch-depressivem Irrsinn erkrankt sind, den kann ein neoliberaler Mensch nicht fassen. Sonst müsste man eine Weltanschauung, die intellektuelle Größen hervorgebracht hat, wegschmeißen. Dagegen wehrt sich das System, aber es wird nichts nützen.

Es braucht also strengere Regeln für den Finanzmarkt?

Schulmeister: Es braucht Prosperität, die Wohlstand für alle ermöglicht. Das war etwa in den 1960er-Jahren und in Österreich auch noch in den 1970er-Jahren der Fall. Dazu muss Unternehmertum Vorrang haben vor der Finanz­alchemie, und einen starken Sozialstaat braucht es auch.

Das Gespräch führte Anita Heubacher

Immobilien-Markt könnte Krise auslösen

Frankfurt – Nach der Krise ist vor der Krise: Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und der Beinahe-Kernschmelze des Finanzsystems mehren sich die Kassandra-Rufe, dass der Weltwirtschaft neues Ungemach droht.

Denn die von den Notenbanken mit viel billigem Geld zugedeckten Probleme könnten bei steigenden Zinsen in verschärfter Form zurückkehren. Diese Sorge treibt nicht nur Kritiker der ultra-lockeren Geldpolitik um, sondern auch die Notenbanken selbst. „Was könnte die nächste Krise verursachen? Ich vermute, es könnte der Immobilienmarkt sein“, warnte die oberste EZB-Bankenwächterin Daniele Nouy im September.

Nachdem die großen Notenbanken das Finanzsystem mit umfangreichen Anleihenkäufen und radikalen Zinssenkungen wieder aufgepäppelt haben, ist der Patient noch nicht vollständig genesen. Europas Banken schleppen als Hinterlassenschaft der jahrelangen Wirtschaftsflaute einen riesigen Berg an faulen Krediten mit sich herum. Allein bei den Instituten der Euro-Zone waren es Ende des ersten Quartals nach Daten der EZB-Bankenaufsicht 688 Milliarden Euro. Das schmälert die Widerstandskraft der Banken im Falle eines Crashs.

Zudem kommen die Nebenwirkungen der geldpolitischen Krisenmaßnahmen immer stärker zum Vorschein. Beispiel Immobilien: Wegen der jahrelangen Mini-Zinsen sind die Preise für Wohnungen in die Höhe geschossen. Eine Entwicklung, die auch die deutsche Bundesbank umtreibt. Sie warnt vor Preisübertreibungen in Großstädten. Diese lägen bei 15 bis 30 Prozent. Viele Krisen gingen vom Immobilienmarkt aus. Die Gründe liegen auf der Hand: Denn Problemen in diesem Bereich gehen oft hohe Verschuldungsgrade voraus. Dies kann auch große Banken in Schieflage und damit ganze Staaten in die Bredouille bringen, die die Geldhäuser wegen deren Relevanz für das Finanzsystem dann herauspauken müssen.

Wenn die oberste Bankenwächterin der Euro-Zone hier ein etwaiges Einfallstor für die nächste Krise sieht, spricht das Bände. (Reuters, TT)