Letztes Update am Do, 22.11.2018 21:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Rabattschlachten

„Rabatte sind eine Droge“: Wird Black Friday der bessere WSV?

Black Friday, Cyber Monday, Singles Day – das sind derzeit die größten Rabattschlachten im Einzelhandel. Die neuen Aktionstage verändern den Markt. Rabatte gibt es nicht mehr erst am Ende des Weihnachtsgeschäfts, sondern schon ganz am Anfang. Für die Händler ist das nicht ungefährlich.

© iStockDer Black Friday und der drei Tage spätere Cyber Monday dürften nach Expertenmeinung für zusätzliche Umsätze in Milliardenhöhe sorgen.



Berlin/Zürich – Eine Flut von neuen Schnäppchentagen schwappt auch nach Europa und läuft dem klassischen Schlussverkauf den Rang ab. Die aus Amerika importierten Ausverkaufstage Black Friday (23.11.) und dann der Cyber Monday drei Tage später gelten als die größten Rabattschlachten im Einzelhandel – und verändern ihn. Das Besondere an ihnen: Die Rabatte gibt es schon zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts und nicht erst in den letzten Tagen vor oder gar nach dem Fest.

Von Zalando bis Lidl

Einer der Vorreiter bei der Entwicklung auch in Europa ist der US-Internetgigant Amazon. Unter dem Motto „Jetzt schon günstig Weihnachtsgeschenke shoppen“ startete der Konzern zu Wochenbeginn in europäischen Ländern – so auch in Österreich – eine ganze Cyber-Monday-Woche mit Zehntausenden Angeboten. Doch ist er nicht allein: Media Markt verspricht das „Shoppingevent des Jahres“. Seiten wie blackfridaysale.de listen Hunderte von Teilnehmern an dem Rabattspektakel auf – von Zalando bis Lidl.

„Aktionstage wie der Black Friday oder der Cyber Monday werden immer wichtiger für den Handel. Wir haben gesättigte Märkte in Deutschland. Da braucht man solche Anlässe, damit die Leute mehr kaufen“, ist der Marketingexperte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU für Deutschland überzeugt. Der Co-Chef des Online-Möbelhändlers Home24, Marc Appelhoff, ist sich sicher: „Der Black Friday hat das Potenzial, der neue Winterschlussverkauf zu werden.“

Die Rabatte gibt es schon zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts und nicht erst in den letzten Tagen vor oder gar nach dem Fest.
- imago stock&people

Es kann auch nach hinten losgehen

Doch ist die frühe Schnäppchenjagd nicht unumstritten. „Schon zu Beginn des wichtigen Weihnachtsgeschäfts mit Preisnachlässen um sich zu werfen, macht eigentlich keinen Sinn. Die Rabatte sollten erst am Ende der Saison kommen“, urteilt Branchenkenner Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. Die Händler hätten allerdings kaum eine Wahl, meint Kai Hudetz vom Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln: „Wer nicht mitmacht, muss befürchten, am Ende auf seinen Waren sitzenzubleiben.“

Wer nicht mitmacht, muss befürchten, am Ende auf seinen Waren sitzenzubleiben.“
Kai Hudetz, Handelsforscher

Dass das Rotstift-Spektakel schnell nach hinten losgehen kann, erlebte im vergangenen Jahr der Elektronikhändler Ceconomy (Media Markt, Saturn). Einerseits war der Black Friday 2017 der umsatzstärkste Tag in der Geschichte des Unternehmens. Andererseits musste Ceconomy dafür einen hohen Preis zahlen. Denn die vorgezogenen Käufe sorgten dafür, dass das Geschäft im Dezember schlechter lief als erwartet und sich neue Geräte in den Filialen und Lagern stapelten. Am Ende machte der Elektronikhändler im Weihnachtsgeschäft etwa in Deutschland deutlich weniger Gewinn als im Vorjahr.

Einen kühlen Kopf bewahren

Wie sehr der Kunde wirklich von den Aktionstagen profitiert, ist aber umstritten. Eine Studie des Preisportals Check24, bei der mehr als 100.000 Einzelpreise beliebter Weihnachtsprodukte berücksichtigt wurden, ergab, dass das durchschnittliche Preisniveau am Black Friday 2017 tatsächlich einen Tiefpunkt erreichte und die Preise danach eher wieder anstiegen. Doch waren die Preisdifferenzen – über alle Produkte gerechnet – mit nicht einmal drei Prozent eher gering.

Entstanden ist der "Black Friday" einst, weil in den USA an diesem Tag - direkt nach dem Erntedankfest Thanksgiving - ein Großteil der Bevölkerung frei und somit Zeit für Einkäufe hat.
- AFP

Das Vergleichsportal Idealo.de kam bei Stichproben zu dem Ergebnis, dass von 500 untersuchten Produkten am Black Friday 2017 immerhin 381 etwas weniger kosteten als im Vormonat. Große Preissprünge waren aber auch nach dieser Studie eher die Ausnahme. Die Verbraucherzentrale rät den Verbrauchern, bei der Schnäppchenjagd auf jeden Fall einen kühlen Kopf zu bewahren. Preisvergleiche in Suchmaschinen könnten sich mehr lohnen als die Sonderangebote am Aktionstag.

„Ein zweischneidiges Schwert“

Nach wie vor eher ein Randdasein führt im deutschsprachigen Raum der Singles Day, der bereits am 11. November begangen wurde. Er ist vor allem in China ein Mega-Ereignis. Doch gibt es erste Versuche, ihn auch hierzulande einzuführen. Kai Hudetz ist überzeugt: „Wir werden in Zukunft eher mehr als weniger derartige Aktionstage sehen.“

Ob sich der Handel damit einen Gefallen tut, ist eine andere Frage. Der Marketing-Experte Fassnacht jedenfalls warnt vor Übertreibungen: „Solche Rabatttage sind ein zweischneidiges Schwert. Sie sorgen für mehr Verkäufe. Aber es wird dadurch auch immer schwieriger, Produkte noch zu normalen Preisen zu verkaufen. Rabatte sind eine starke Droge.“ (APA, dpa, TT.com)