Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.01.2019


Exklusiv

TT-Lokalaugenschein: Das Schlafverbot kommt nur die Lkw-Lenker teuer

Ein Lokalaugenschein auf den Rastplätzen in Tirol zeigt: Die überwiegend osteuropäischen Fahrer sehen keine Alternative zur Ruhe in ihrem Lkw.

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© Foto TT / Rudy De Moor



Von Alexandra Plank

Zirl, Innsbruck – Graupelschnee auf dem Asfinag-Rastplatz Zirl-Inzing, einige Tage nach dem Jahreswechsel. Die Kälte kriecht in die Knochen. Zwei Lastwagen mit internationalen Kennzeichen sind hier abgestellt, die Fahrer unterhalten sich angeregt. Sie stammen aus der Slowakei. „Nix, Englisch, nix Deutsch“, erklären sie. Dann machen sie das Zeichen für „fahren“ und starten die Motoren.

Auf der Raststätte Rosenberger in Telfs treffen wir auf einen italienischen Lkw-Lenker. Das Strand-Italienisch ist für den Austausch wenig hilfreich, doch so mancher Urlaub im Süden und die Kenntnis des Französischen haben das Verständnis verbessert. Den Mailänder ärgert das Kabinenschlafverbot. Er erklärt, dass er die Übernachtung in Hotels selbst bezahlen müsse. In den ehemaligen Ostblockländern sei das erschwinglich, aber er sei in ganz Europa und auch in Luxemburg unterwegs: „Mamma mia“, kommentiert der Mitvierziger die dortigen Preise für eine Übernachtung. Zudem sei der Schlafplatz im Lastwagen seine einzige Privatsphäre auf den langen Fahrten. Ob wir einen Blick hineinwerfen dürften? „No“, lautet die klare Ansage, verbunden mit der Frage, ob man selbst wolle, dass jemand einfach so ins eigene Schlafzimmer marschiere. Natürlich nicht: „Capisco!“

Zurück auf dem Lkw-Parkplatz treffen wir auf einen Polen. Er könne etwas Deutsch, sagt er. Die Frage nach dem Kabinenschlafverbot beantwortet er mit dem international gültigen Handzeichen für Geld: Er reibt den Daumen und den Zeigefinger aneinander. So macht er uns klar, dass ihn das teuer zu stehen kommen werde.

Zwei Streifenpolizisten erzählen, dass sie die europäische Regelung schon seit einiger Zeit kontrollieren. Vorrangig gehe es darum, dass die Fahrer binnen Monatsfrist nach Hause kommen und nicht ein ganzes Jahr lang durch ganz Europa tingeln müssen. Ein Polizist gibt an, dass er es anzeigen müsse, wenn ein Lkw-Fahrer seine wöchentliche Pause im Fahrzeug verbringt. Doch nicht zum ersten Mal kommen die Helden der Autobahnen, die seit geraumer Zeit überwiegend Lohnsklaven sind, bei einer Regelung zum Handkuss, die ihr Arbeitsleben eigentlich verbessern sollte.

Laut Tirols ÖGB-Chef Philip Wohlgemuth stellt das Gesetz einen wichtigen Schritt hin zu menschenwürdigen Arbeitsbedingungen und auch zu mehr Sicherheit dar. „Nur ausgeruhte Fahrer können sicher hinter dem Steuer agieren. Allerdings ist die Politik in ganz Europa gefordert, qualitativ hochwertige Parkplätze mit Nächtigungs- und Waschmöglichkeiten zu bauen“, erläutert Wohlgemuth. Es brauche europaweit eine entsprechende Infrastruktur, um die EU-Verordnung umsetzen zu können.

Laut dem ÖGB-Chef sind die derzeitigen Arbeitsbedingungen der Lkw-Fahrer „katastrophal“. Essen auf Rädern bekomme da eine völlig neue Bedeutung: Fahrer, die über Monate im Fahrerhaus leben, mit einem Gaskocher auf dem Hinterreifen ihr Essen wärmen, kein Geld hätten, um Wäsche zu waschen, Handtücher am Beifahrersitz trocknen. „Die Leute schicken ihr verdientes Geld in die Heimat und leben über Monate nur von Taggeldern“, erklärt der Gewerkschafter. Es sei traurig, dass der Bevölkerung die berechtigten Bedenken in Bezug auf Tiertransporte vielfach wichtiger seien als die Arbeitsbedingungen der Fahrer. Das oberste Ziel sei es, Lohn- und Sozial­dumping zu verhindern. „Ich erwarte etwa auch von den Frächtern, so zu disponieren, dass die Fahrer regelmäßig nach Hause kommen.“ Das Heimkehrrecht alle vier Wochen sei zwar im Gesetz vorgesehen, nütze aber wenig, da es sich dabei nur um eine Rückkehr an den Firmenstandort handle. Es bringe beispielsweise einem ausgeflaggten bulgarischen Fahrer nichts, wenn seine Firma im Ausland sitzt.

Josef Ölhafen, Geschäftsführer der Sparte Transport in der Wirtschaftskammer, gibt an, dass die Branche das mobilste Gewerbe der Welt sei. „Daueraufträge gibt es kaum. Die Fahrten werden an den Frachtenbörsen an die Billigstbieter vergeben.“

Er hält das Verlassen des Fahrzeugs durch die Fahrer in zweifacher Hinsicht für unpraktikabel: „Wenn die Fahrer ihre Lkw stehen lassen, ist nicht nur die Gefahr groß, dass die Fracht gestohlen wird, sondern auch, dass etwas hineingeschmuggelt wird.“

Die Durchführung sei undurchdacht. „Bei uns gibt es wenigstens saubere Rastplätze. In Italien etwa müssen die Fahrer in den engen Autobahnbuchten stehen“, so Ölhafen. Dennoch will er die Asfinag vermehrt in die Pflicht nehmen. „Zwei Drittel ihrer Einnahmen entfallen auf den Lkw-Verkehr, da muss mehr für die Fahrer herausschauen.“ Auch WK-Präsident Christoph Walser, selbst Transportunternehmer, sagt: „Das Pferd wurde falsch aufgezäumt. Es wäre gut, zuerst die Infrastruktur zu schaffen und dann Verbote zu erlassen.“