Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 11.02.2019


Exklusiv

Menschenmassen in Städten: Degradiert zur Touristen-Kulisse

Die Einwohner beliebter Tagestourismus-Städte klagen über die Menschenmassen in ihren Städten. Im vom Ferientourismus geprägten Tirol ist diese Form des „Overtourism“ laut Experten noch kein großes Thema.

In Venedig, Hallstatt (im Bild) und Salzburg hat man dem durch Tagesgäste verursachten Massentourismus den Kampf angesagt. In Innsbruck sind derartige Maßnahmen (noch) nicht notwendig.

© iStock EditorialIn Venedig, Hallstatt (im Bild) und Salzburg hat man dem durch Tagesgäste verursachten Massentourismus den Kampf angesagt. In Innsbruck sind derartige Maßnahmen (noch) nicht notwendig.



Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Im Gänsemarsch über die Rialtobrücke, im Schneckentempo durch das dichte Gedränge am Markusplatz. Und obwohl „La Serenissima“ bereits aus allen Nähten zu platzen scheint, entleeren Kreuzfahrtschiffe wie gigantische schwimmende Füllhörner unablässig weitere Menschenmassen in die Lagunenstadt. Wer Dogenpalast, Markusturm oder Gondelanlegeplätze ungestört und ohne fremde Personen im Bild fotografieren möchte, muss im wahrsten Sinne des Wortes früher aufstehen. Nämlich zu einer Uhrzeit, zu der Venedig noch nicht vom Tagestourismus heimgesucht wird. Denn von den jährlich 20 bis 30 Millionen Besuchern verbringt nur ein verschwindend kleiner Bruchteil auch die Nacht auf der rund 55.000 Einwohner zählenden Haupt­insel mit ihrem historischen Stadtkern.

Seit Jahren fordern die Venezianer die Hoheit über „ihre“ Stadt zurück und von der Politik entsprechende Maßnahmen – und diese dürften mit Mai nun tatsächlich kommen, wie Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro vergangene Woche erklärte: Dann nämlich sollen Tagestouristen in Venedig ein Eintrittsgeld von drei Euro berappen. Ab kommendem Jahr könnte die Gebühr an Feiertagen oder in der Hochsaison auf bis zu zehn Euro angehoben werden.

Menschenmassen in der Altstadt kennt man auch in Tirols Landeshauptstadt Innsbruck. In der Vorweihnachtszeit und zu Silvester sowie im Sommer kann es in den historischen Gassen rund um das Goldene Dachl mitunter eng werden. Laut der vergangenen Mittwoch auf tt.com online gestellten „Frage des Tages“ lehnt die überwiegende Mehrheit hierzulande ähnliche Regulierungsmaßnahmen wie in Venedig jedoch klar ab. Knapp zwei Drittel der Umfrage-Teilnehmer halten ein derartiges System für die Innsbrucker Altstadt für maßlos übertrieben, da sich die Besucherzahlen hier nicht mit jenen in Venedig vergleichen ließen.

Dieser Ansicht ist auch Tourismusexperte und Leiter des Management Center Innsbruck (MCI) Tourismus, Hubert Siller: „Es gibt das Phänomen des Attraktionstourismus in den Städten. In Tirol fällt mir aber kein Ort ein, wo dieser überhandgenommen hätte und man dem so genannten ‚Overtourism‘ gegensteuern müsste.“ Natürlich gebe es auch in Tirol Hotspots für Touristen, die diese für ein schnelles Foto oder die Dauer eines Tagesausfluges besuchen – Attraktionen wie etwa die Kristallwelten in Wattens –, die Situation sei aber bei Weitem nicht mit jener in Venedig vergleichbar. In Tirol finde außerdem überwiegend der klassische Ferientourismus und nicht der Tagestourismus statt. „Städte, die vom Tourismus leben, tun sich sehr schwer, diesen entsprechend zu lenken“, erklärt Siller. Wer etwa nach Paris kommt, der möchte nun einmal vor allem den Eiffelturm und den Louvre besuchen – und nicht irgendwo anders hingeleitet werden.

Doch auch wenn Siller in Tirol keinen Bedarf an Maßnahmen zum Gegensteuern sieht, heiße das nicht, dass man Touristen vor allem in historischen Städten zur Kassa bittet. „Einen Beitrag für die Instandhaltung historischer Gebäude in Form von Eintritten ist völlig in Ordnung“, erklärt der Experte. Im Innsbrucker Dom beispielsweise wurde genau zu diesem Zweck zwar kein Eintritt, aber dafür eine Gebühr für das Fotografieren festgelegt. Wer im Dom knipsen will, muss an einem Automaten für einen Euro ein Ticket lösen.

Neben Venedig haben auch andere namhafte europäische Städte wie Amsterdam, Barcelona, Dubrovnik oder Palma de Mallorca dem Massentourismus den Kampf angesagt. In Österreich sind es aktuell die Stadt Salzburg und Hallstatt in Oberösterreich, die versuchen, dem durch Tagesgäste verursachten Overtourism Herr zu werden. So plant Hallstatt, den Besucherstrom mittels Bus-Slots in geordnete Bahnen zu lenken. Immerhin kommen pro Jahr rund eine Million Besucher in den 770-Seelen-Ort im oberösterreichischen Salzkammergut. 19.344 Reisebusse galt es im Vorjahr zu bewältigen, 2014 waren es noch 7917 Reisebusse. Busunternehmen müssen künftig Slots kaufen, bevor sie in den Ort fahren dürfen. Diese sind nur in limitierter Zahl vorhanden und gelten nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters. Vorbild für die Idee ist die Stadt Salzburg. Dort wird seit vergangenem Juni die Vergabe von Buskontingenten getestet. Seit Einführung der Reservierungspflicht wurden bis 6. Jänner 52.900 Zeitfenster-Slots verkauft, die Zahl der erfassten Reisebusse betrug 27.800. Über das Online-Buchungssystem wurden seit der Einführung Einnahmen von 552.940 Euro erzielt. Dem standen Ausgaben von 695.000 Euro entgegen. Darin sind laut Stadt Salzburg jedoch einmalige Investitionskosten von rund 290.000 Euro enthalten.