Letztes Update am Sa, 16.02.2019 06:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nachhaltigkeit

Schnitzel aus Österreich nur um 10 Cent teurer

Vom viel zitierten Regionalitätstrend ist laut der Inititative „Land schafft Leben“ in der Gastroszene tatsächlich oft wenig übrig. Der Verein will zeigen, dass österreichische Produkte kaum teurer sind.

Heimische Lebensmittel haben oft das Nachsehen, weil die Erzeugung aufgrund höherer Produktionsstandards im Inland teurer ist.

© PantherStockHeimische Lebensmittel haben oft das Nachsehen, weil die Erzeugung aufgrund höherer Produktionsstandards im Inland teurer ist.



Wien, Schladming – Ein Häferl Milchkaffee und eine Portion Kaiserschmarren hat vor Kurzem eine veritable Auseinandersetzung ausgelöst. Was dabei Hannes Royer von der Initiative „Land schafft Leben“ auf die Palme gebracht hat: die Eier – denn die kommen aus ukrainischer Käfig­haltung. „Wir importieren täglich 1,8 Millionen Schaleneier und Eier in verarbeiteten Lebensmitteln. Mehr als die Hälfte davon sind Käfigeier“, so Royer.

Dabei seien Käfigeier nur ein Beispiel von vielen. Heimische Lebensmittel haben oft das Nachsehen, weil die Erzeugung aufgrund höherer Produktionsstandards im Inland teurer ist. „Dabei geht es in Wahrheit nur um ein paar Cent“, betont Royer. So hat der österreichische Gastro-Großhändler Manfred Kröswang ausgerechnet, dass eine Portion Schweinsschnitzel eines österreichischen Anbieters nur 10 Cent mehr kostet als die billigere Variante aus dem EU-Ausland. Beim Rindsgulasch beträgt der Preisunterschied 20 Cent, bei einer gegrillten Putenbrust 70 Cent.

Hoher Selbstversorgungsgrad

Dass es gar nicht ausreichend Lebensmittel aus regionaler Herkunft gebe, lässt der „Land schafft Leben“-Obmann, der selbst einen Bergbauernhof in der Region Schladming-Dachstein bewirtschaftet, nicht gelten. In den alpinen Regionen würden die Bauern zwar fast nur Grünland bewirtschaften und erzeugen hauptsächlich Milch und Rindfleisch, flachere Regionen Österreichs erzeugen aber eine breite Palette an Lebensmitteln.

Der Selbstversorgungsgrad (SV), der angibt, inwieweit die heimische Produktion in der Lage ist, den inländischen Bedarf für Mensch, Tier und Industrie abzudecken, erreichte für Trinkmilch 164 Prozent, für Rind- und Kalbfleisch 142 Prozent, für Käse (einschließlich Schmelzkäse) 116 Prozent und für Schweinefleisch 102 Prozent. Bei folgenden Produkten lag der Selbstversorgungsgrad unter 100 Prozent: Eier (87 Prozent), Butter (73 Prozent), Geflügelfleisch (71 Prozent) sowie Fisch (sechs Prozent).

Allerdings sind im theoretischen SV-Grad die touristischen Nächtigungen nicht eingerechnet, sondern nur der SV-Grad der Heimatbevölkerung. Für Tirol liegt dieser Wert zum Beispiel bei nur 42 Prozent. Das ist der Anteil am Gesamtkalorienbedarf der 750.000 Tiroler, den die Tiroler Landwirtschaft produzieren kann. Rechnet man die fast 50 Mio. Übernachtungen in Dauerbewohneräquivalente um (/365), kämen rund 137.000 „Einwohner“ dazu und der SV würde sich weiter reduzieren.

Laut den Berechnungen von Manfred Kröswang sind Grundprodukte aus heimischer Produktion auf die Portion gerechnet kaum teurer.
Laut den Berechnungen von Manfred Kröswang sind Grundprodukte aus heimischer Produktion auf die Portion gerechnet kaum teurer.
- TT-Grafik

Häufige Zielkonflikte

Welchen Regionalitätsbegriff man als vernünftig und auch nachhaltig betrachtet, hängt auch von der jeweiligen Perspektive bzw. der Wertung von Nachhaltigkeitskriterien ab. „Das ist häufig mit Zielkonflikten verbunden und insgesamt sehr schwierig zu gewichten“, so Royer. So wäre ein Lebendtiertransport von Schlachtschweinen aus der Südsteiermark nach Tirol hinsichtlich des Nachhaltigkeitskriteriums „Tierwohl“ und CO2-Footprint durch den längeren Transport schlechter zu bewerten als ein Transport aus dem angrenzenden Bayern. Andererseits würde es der ökonomischen Nachhaltigkeit der heimischen Fleischwirtschaft natürlich helfen.

Wie komplex die Thematik ist, zeige auch der Vergleich Exporte und Importe. Sie würden zunächst bei den SV-Berechnungen keine Rolle spielen und seien daher nur eine theoretische Größe. Zum Beispiel produziere Österreich seit Jahren mehr als 100 Prozent seines Schweinefleischbedarfs. In der Realität aber exportieren wir große Mengen spezieller Teile des Schweines (unter anderem nach Italien, aber auch Asien) und importieren wiederum andere Teile (Edelteile aus aller Welt).

Regionalität weiter denken

Thomas Guggenberger von der HBLFA Raumberg-Gumpenstein hat erhoben, ob Wirte in Tourismusregionen überhaupt in der Lage wären, genug Lebensmittel aus der Region aufzustellen, um alle Gäste sattzubekommen. Dafür hat er ein fiktives 10. Bundesland namens „Touristika“ erfunden, das ganz Tirol und Salzburg, weite Teile Vorarlbergs und Kärntens, kleinere Teile von Oberösterreich und der Steiermark sowie Wien beinhaltet, sprich die großen Tourismusregionen des Landes, die für insgesamt 123 Millionen Nächtigungen oder 85 Prozent der Tourismusleistung Österreichs stehen.

"Land schafft Leben"-Obmann Hannes Royer
"Land schafft Leben"-Obmann Hannes Royer
- Land schafft Leben

Fazit seiner Berechnungen: Die Tourismushochburgen im Westen haben keine Chance, sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen. In Salzburg, Tirol und Vorarlberg zusammen werden beispielsweise weniger als ein Prozent der österreichischen Schweine gehalten – naturgemäß viel zu wenig, um den Schnitzelbedarf zu decken. Daher appelliert Guggenberger an die Tourismusbranche: „Akzeptiert das Bundesgebiet als ‚regional‘. Auch hier gelten die hohen Produktionsstandards, die du für deine Kleinregion akzeptierst.“ (hu)

“Für die meisten endet Regionalität zwei Orte weiter“

Innsbruck — Hannes Royer ist Gründer des Vereins „Land schafft Leben", der mehr Transparenz in die österreichische Lebensmittelproduktion bringen will. „Land schafft Leben" wird unterstützt von 53 Förderern, darunter Verarbeiter, Erzeugergemeinschaften, Vertreter des Lebensmittelhandels sowie private Spender.

Sie haben vor Kurzem bei den Touristikern ziemlich viel Aufregung verursacht.

Hannes Royer: Wenn die Skihütten sagen, sie können wegen ein paar Cent keine österreichischen Lebensmittel verwenden, ist das eine Bankrotterklärung. Wüssten unsere Gäste aus Deutschland und vielen anderen Ländern, dass sie Jahr für Jahr in wunderschöner Landschaft oft für viel Geld Käfigeier und Billigstfleisch serviert bekommen, würden sie sich betrogen fühlen.

Ein Urlaub in Österreich ist nicht wirklich billig. Dabei ist der Preis- bzw. Konkurrenzdruck enorm hoch.

Royer: Ein Schnapserl beim Après-Ski weniger und wir können den ganzen Skiurlaub lang heimisches Fleisch essen.

Sie betreiben selbst einen Bauernhof. Verstellt das nicht auch den Blick auf das große Ganze?

Royer: Durch unsere Recherche bei „Land schafft Leben" wissen wir, dass es nur um ein paar Cent geht. Die Bauern erhalten unsere Kulturlandschaft, die jedes Jahr Millionen Gäste anlockt. Als Dank dafür kaufen Gastwirte Rindfleisch aus Südamerika, nur weil's ein paar Cent billiger ist. Wenn die Pflege unseres Lebensraums nichts mehr zählt, werden die wunderbaren Berghänge und Almen zuwachsen und die Touristen fahren woanders hin.

Der Westen Österreichs kann sich nicht selbst versorgen und schon gar nicht die Millionen Gäste.

Royer: Wenn es ein Lebensmittel in wenigen Kilometern Umkreis nicht gibt, soll man nicht gleich die billigste Alternative vom Weltmarkt kaufen. Und man darf nicht mit ein, zwei regionalen Produkten werben und den Rest billigst zukaufen. Es geht vielmehr darum, dem Gast den Mehrwert der regionalen Lebensmittel zu erklären.

Das Gespräch führte Hugo Müllner