Letztes Update am Mo, 18.03.2019 09:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Versicherungen

Österreicher kaum gegen Berufsunfähigkeit versichert

Über reines „Vorsorgesparen“ lässt sich das Risiko laut Wifo-Studie nicht abfangen. Der Staat zahlt bei Berufsunfähigkeit nur 70 Prozent des Letzteinkommens.

Symbolbild

© Erwin Wodicka - wodicka@aon.atSymbolbild



Wien – In Österreich haben nur vier Prozent der Beschäftigten eine private Berufsunfähigkeitsversicherung - in Deutschland und den USA je ein Drittel. Zudem sind die versicherten Summen bei uns recht niedrig. Besonders profitieren von der Versicherung können junge Menschen mit steiler Berufskarriere, zeigt eine neue Wifo-Studie. Der Staat zahlt bei Berufsunfähigkeit nur 70 Prozent des Letzteinkommens.

Besonders interessant sei eine private Berufsunfähigkeitsversicherung für junge, gut ausgebildete Menschen, denen potenziell eine große Karriere bevorsteht, zum Beispiel Akademiker oder technische Fachkräfte, sagte der Versicherungsexperte Thomas Url, einer der Autoren der Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo). Denn die staatliche Absicherung über die obligate Sozialversicherung berücksichtigte nur das aktuelle Einkommen, nicht aber künftige Karrieren.

Bis zur Hälfte des Lebenseinkommens

Im Durchschnitt verlieren 25-Jährige Männer im Risikofall ohne Versicherung - je nach Beruf - ein Drittel bis etwas mehr als die Hälfte ihres künftig noch zu erwartenden Nettolebenseinkommens. Bei Frauen ist es weniger als ein Drittel bzw. maximal etwas unter der Hälfte ihres Lebenseinkommens. Mit steigendem Lebensalter nimmt die Einkommenslücke durch eine Berufsunfähigkeit langsam ab - im Alter von 60 schwankt sie bei Männern zwischen 6 und 10 Prozent, bei Frauen wegen der höheren Lebenserwartung (weil sie ihre Pension länger bekommen) zwischen 8 und 11 Prozent, erläutert Url.

Private Versicherer können das Risiko einer Berufsunfähigkeit bzw. die gegenüber der staatlichen Abdeckung verbleibende Lücke recht günstig abdecken, weil die Eintrittswahrscheinlichkeit sehr gering sei, betont Url. Bei 25-Jährigen sei nur eine von 10.000 Personen von einer Berufsunfähigkeit betroffen, bei 45-Jährigen 14 von 10.000 und bei 60-Jährigen 110 von 10.000. Für die Gruppe der 25-Jährigen müssten somit 10.000 Personen zusammen nur einen Risikofall finanzieren, rechnet der Experte vor, „es handelt sich also um ein eher seltenes Risiko, das aber eben nur teilweise durch eine öffentliche Versicherung gedeckt ist“.

Vorsorgesparen zu wenig

Das vorhandene Angebot der privaten Assekuranz für eine Berufsunfähigkeitspension scheine den Erwerbstätigen nicht in vollem Umfang bekannt zu sein, auch können sie den möglichen Schaden, der auftreten kann, offenbar nicht abschätzen. Die Studienautoren - Url und Serguei Kaniovski - sind überzeugt, dass die Höhe der potenziellen Einkommensverluste für risikoadverse Personen angesichts der niedrigen Eintrittswahrscheinlichkeit schon einen ausreichend hohen Anreiz zum Kauf eines solchen Produkts erzeugen sollte. Viele Menschen würden aber etwa eine Polizze für nicht leistbar halten, eine falsche Wahrnehmung des Risikos von Eintrittswahrscheinlichkeiten oder überhöhte Erwartungen in die Leistungen der öffentlichen Berufsunfähigkeitsversicherung haben.

Mit einem reinen „Vorsorgesparen“, also dem Zur-Seite-Legen von Ersparnissen, kann das Risiko der Berufsunfähigkeit individuell jedenfalls nur schwer abgesichert werden, sagen die beiden Experten. Denn besonders in jungen Jahren würde dies „einen in der Praxis unmöglich hohen Sparbetrag erfordern“. Denn selbst bei Vorliegen einer staatlichen Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitsversicherung würden 25-Jährige in Berufsgruppen mit „flachem Lebenseinkommensprofil“ mehr als ein Drittel ihres Lebenseinkommens individuell angespart haben müssen, um den Einkommensverlust aus der Berufsunfähigkeit voll abzusichern. Für 25-Jährige in akademischen Berufsgruppen wären es sogar 50 Prozent des Lebenseinkommens. Außerdem scheine Sparen als Absicherung gegen Risiken mit kleiner Eintrittswahrscheinlichkeit für Versicherte offenbar als unattraktiv. (APA)

Asymmetrische Informationslage

Während Versicherungsnehmer mit dem Erwerb einer Polizze zögern, weil sie ihr persönliches Risiko schwer abschätzen können und bei einem Versicherungsabschluss auch Verwaltungs- und Vermittlungskosten anfallen, kämpft die Assekuranz mit dem Phänomen der asymmetrischen Informationslage zwischen Anbietern und Nachfragern.

Der Versicherte weiß über sich selbst immer besser Bescheid als die Versicherung", das gelte besonders in der Kranken-, Unfall oder Lebensversicherung. Aus der ungleichen Informationslage entstehen dann die bekannten Effekte des "moralischen Risiko" und der "Negativselektion". Im ersten Fall stellen Versicherte eher einen Antrag auf Bezug einer Berufsunfähigkeitspension, obwohl sie ohne Versicherungsschutz weiter erwerbstätig bleiben würden - und bei der Negativselektion verhalten sich Versicherte tendenziell riskanter oder weniger gesundheitsbewusst als sie es ohne Polizze tun würden. Eine negative Auslese lässt sich jedoch durch gestaffelte Selbstbehalte und eine restriktive Zeichnungspolitik gut überwinden, so die Studie, die im Auftrag des Versicherungsverbandes erstellt wurde.