Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 08.07.2019


Exklusiv

Facebook-Geld Libra birgt großes Potenzial und Risiko

2020 will Facebook mit seiner globalen Währung Libra das digitale Bezahlen einfacher machen. „Coins“, gedeckt mit Echtgeld, sind nichts Neues, ihr Erfolg wäre es allerdings.

Facebook wird im kommenden Jahr Libra als Zahlungsmittel einführen. Erfolg erhofft sich Facebook vor allem wegen seiner Bekanntheit.

© iStockphotoFacebook wird im kommenden Jahr Libra als Zahlungsmittel einführen. Erfolg erhofft sich Facebook vor allem wegen seiner Bekanntheit.



Von Max Strozzi und Verena Langegger

Innsbruck — Dass Facebook gemeinsam mit anderen Großkonzernen wie Visa, Mastercard und PayPal die eigene Digitalwährung Libra schaffen will, schlägt hohe Wellen. Notenbanker orten in Libra die Gefahr eines völlig unregulierten Zahlungsmittels und sehen am Horizont eine gigantische Schattenbank aufziehen. Ökonomen fürchten Verwerfungen im globalen Finanzsystem. Datenschützer wiederum warnen vor der Allmacht des Konsortiums rund um den Facebook-Konzern über die Menschheit.

Aus Sicht von Stefan Pichler, Vizerektor an der Wirtschaftsuniversität Wien, geht von Libra keine Gefahr für das Finanzsystem aus. „Meiner Meinung nach ist das ein genialer Kundenbindungsversuch", sagt Pichler. Auch unterscheide sich das Libra-Konzept stark von bisher bekannten Krypto-„Währungen" wie Bitcoin, weil es an einen Korb echter Währungen wie Euro und Dollar gekoppelt sein soll. „Innerhalb des Systems wird ein Zahlungsausgleich betrieben, mehr ist das nicht. Das ist ähnlich wie eine vollbesicherte interne Rechnungsanweisung. So lange es systemintern und vollbesichert ist, sehe ich wenig Probleme." Dem Konzept entgegenkommen würden die derzeit extrem niedrigen Zinsen. „Dadurch, dass Libra mit echtem Geld gedeckt ist, kostet dieser Währungskorb Zinsen, derzeit würde das Facebook also nichts kosten. Sollten die Zinsen aber steigen, wird es für Facebook teuer." Die Idee ist auch nicht ganz so neu. Laut Pichler habe es bereits vier bis fünf solche mit Echtgeld gedeckten Coins gegeben. „Einer davon war ein Riesen-Betrugsfall, weil doch nicht so viel Deckung vorhanden war."

Die Sache mit den Daten

Dass Libra die Finanzwelt auf den Kopf stellt, glaubt Pichler nicht. „Der elektronische Zahlungsverkehr ist eines der effizientesten Dinge überhaupt — so schnell und billig funktioniert kaum was anderes. Den also zu ersetzen wird nicht funktionieren."

Die Ausgangssituation für Libra könnte sich in dem Moment ändern, in dem es nicht nur ein internes Zahlungsmittel zwischen den teilnehmenden Konzernen bzw. Nutzern ist, sondern auch Bankgeschäfte ins Spiel kommen. „Wenn etwa Kredite vergeben werden, wäre das ein konzessionspflichtiges Bankgeschäft und wäre somit ohnehin reguliert", erklärt Pichler. Er glaube aber nicht, dass Facebook Bankgeschäfte machen will. Nachsatz: „Zumindest noch nicht." Die Gefahr, die von Libra ausgeht, liege eher beim Thema Daten. „Da sind wir beim Kern der Sache. Wenn man bei Facebook diese Gefahr sieht, dann wird die Gefahr mit Libra größer."

Der wegen seiner Datenlecks umstrittene Social-Media-Konzern Facebook betont, künftig Daten von Transaktionen seiner Währung Libra trennen zu wollen, der Experte für Kryptowährungen am Unterguggenberger-Institut Heinz Hafner bleibt jedoch skeptisch: Facebook sei in Bezug auf Datenschutz nicht glaubwürdig. Es würden pseudo-anonyme IDs im Hintergrund (der Transaktionen, Anm.) mitgeführt, über die dann anonymisiertes Profiling ermöglicht werde. „Damit sind dann alle relevanten, kommerziellen Auswertungen tipptopp möglich und doch ist im rechtlichen Sinne die Privatsphäre des Nutzers geschützt", erklärt Hafner. Es sei aber davon auszugehen, dass Libra „alltagstauglich" sei, besonders in Bezug auf Transaktionskosten und Einfachheit.

Viele Fragen zum Facebook-Geld

  1. Wann soll das Facebook-Geld Libra starten? Der offizielle Start ist in der ersten Jahreshälfte 2020 vorgesehen.
  2. Ist Libra überhaupt eine „Facebook-Währung"? Facebook hat das Konzept vorangetrieben. Verantwortlich für Libra wird aber ein Konsortium sein, dem bisher 28 Unternehmen angehören, darunter Uber, Paypal, Visa, Mastercard, Vodafone und Spotify oder auch gemeinnützige US-Unternehmen wie beispielsweise Kiva.
  3. Wer soll Libra nutzen? Zunächst jene, die über Ländergrenzen hinweg Geld überweisen wollen und dafür bislang hohe Gebühren bezahlen. Ein anderes Szenario wäre die schnelle Überweisung von Geld unter Freunden.
  4. Bekommt Facebook Einblick in die Finanzströme? Facebook bekommt mit, wenn über seine geplante digitale Geldbörse, über WhatsApp oder den Messenger Geld übertragen wird. Das Netzwerk verspricht, die Finanzinfos seiner Nutzer getrennt zu halten und nicht zu nutzen.
  5. Das soll man Facebook glauben? Daran wird angesichts mehrerer Datenskandale bei Facebook stark gezweifelt. Der deutsche Datenschützer Ulrich Kelber warnt davor, dem Wohlwollen Facebooks zu vertrauen. Auch der EU-Datenschutzbeauftragte Giovanni Buttarelli findet es „sehr bedenklich", wenn Facebook seine bereits enormen Mengen an personenbezogenen Daten mit der Verfolgung digitaler Online-Käufe kombinieren kann.
  6. Kann Libra von Kriminellen missbraucht werden? Ja, meint der deutsche Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling. Solche Plattformen könnten zum Marktplatz für Geldwäsche oder Terrorismusfinanzierung werden.

Libra und die Signalwirkung

Für Hafner sind digitale Währungen durchaus als Alternative zum heutigen Bankensystem vorstellbar. Es sei davon auszugehen, dass der Anteil der Anleger, die „Kryptos" für die eigene Vermögensveranlagung in Erwägung ziehen oder schon nutzen, stetig steigen wird. Und auch der praktische Nutzen als Transaktionsmedium nehme dank steigender Angebote immer mehr zu. „Es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis sich echte Alternativen zum heutigen Bankensystem mit dessen Karten- und Kontenvarianten wirklich im Alltag durchsetzen." Der Experte Hafner rechnet damit, dass sich im Laufe der nächsten zwei bis drei Jahre eine Handvoll kommerzieller Anbieter aus dem Kreis der ganz Großen (Amazon, Apple, Google, Facebook etc.), aber auch Start-ups in Kooperation mit etablierten Finanzanbietern hier mit stetig neuem Angebot breitmachen würden und „den Löwenanteil in diesem innovativen Sektor einnehmen wollen und wahrscheinlich auch werden".

„Die Markteinführung von Libra hat hier durchaus Signalwirkung", so Hafner. Zudem gebe es mittlerweile nicht mehr nur den Begriff „Kryptowährung" als Kategorie, es gebe quasi ein „Internet der Werte", so genannte „Digital Assets" als neue Vermögensklasse: „Das ist keine Modeerscheinung, die wieder verschwinden wird, sondern eine ernsthafte neue Möglichkeit der Vermögensverwaltung, verbunden mit quasi Real-Time-Handelbarkeit." Damit habe jeder die Möglichkeit, das eigene Vermögen digital aufzubewahren und jederzeit umzuwandeln und einzusetzen, „in völliger digitaler Selbstverwaltung".