Letztes Update am Mo, 16.09.2019 15:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Markt

Raketenangriff: Wichtigste Öleinrichtung der Welt hat eine „Herzattacke“

Ein Drohnenangriff in Saudi-Arabien traf eine der wichtigsten Ölraffinerien der Welt. Das treibt die Rohölpreise an. Bei der Frage, wie lange und stark sie anziehen, blicken Experten auf die geopolitische Lage.

Am Samstagmorgen hatten mehrere Explosionen Anlagen des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco erschüttert.

© Screenshot/YoutubeAm Samstagmorgen hatten mehrere Explosionen Anlagen des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco erschüttert.



Singapur, Washington, Riad – Öl ist wegen der Drohnenangriffe auf die größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien deutlich teurer geworden. In den ersten Handelsminuten legten die Ölpreise am Montag bis zu 20 Prozent zu. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 65,33 US-Dollar. Das waren 5,11 Dollar mehr als am Freitag. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 4,35 Dollar auf 59,20 Dollar. In der Spitze waren sie vorübergehend auf den höchsten Stand seit mehreren Monaten gestiegen.

Energieanalyst Joe McMonigle von der Investmentberatung Hedgeye Risk Management sagte, sollten die USA ihre strategische Ölreserve anzapfen, könnte das – insbesondere bei einer koordinierten Aktion mit der Energieagentur IEA – einen rasanten Anstieg der Ölpreise dämpfen. Laut Rapidan Energy ist die betroffene Raffinerie in Abkaik die wichtigste Öleinrichtung der Welt. „Abkaik ist das Herz des Systems, und sie hatten gerade eine Herzattacke“, sagte Roger Diwan von IHS Markit.

Auswirkungen auf Preise noch gering

Weltweit gerieten die Börsen unter Druck, auch der deutsche Leitindex Dax gab nach. Vor allem Aktien aus der stark vom Ölpreis abhängigen Luftfahrt- und Reisebranche gerieten unter Druck. Hingegen zählten etwa Anteile aus dem Öl- und Gassektor zu den Gewinnern. Gefragt waren zudem der japanische Yen oder der Schweizer Franken. Sie gelten als sichere Häfen, in die sich Anleger in unsicheren Zeiten zurückziehen. Noch deutlicher legten Währungen von Ländern mit starker Rohölförderung zu, etwa die norwegische Krone, der kanadische Dollar und der russische Rubel. Der Eurokurs bewegte sich kaum.

Wie stark die Erdölpreise auf den Drohnenangriff reagieren werden, hängt nach Einschätzung der Experten von Goldman Sachs vor allem von der Dauer des Ausfalls ab. Der Produktionsausfall von etwa der Hälfte der saudischen Tagesproduktion sei jedenfalls „eine historisch große Störung“, heißt es in einer Studie der US-Bank. Ein dauerhafter starker Anstieg der Ölpreis ist aus Sicht des Bankhauses Berenberg unwahrscheinlich. Kurzfristige Produktionsausfälle könnten wohl durch das Anzapfen strategischer Ölreserven ausgeglichen werden. Hinzu komme, dass das Angebot an Rohöl heute flexibler sei als früher, nicht zuletzt aufgrund der stark gestiegenen Förderung in den USA.

Trump gibt Reserven frei

Auch der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, rechnet damit, dass sich der Ölpreis schnell normalisieren wird. „Dauerhaft steigende Ölpreise und folglich Belastungen für die Konjunktur sind nur zu erwarten, wenn das Ölangebot tatsächlich dauerhaft verknappt wird“, sagte Fuest der dpa. Die Anrainerstaaten des persischen Golfs produzierten gut ein Drittel des weltweiten Öls. Wenn es dort zu einem massiven bewaffneten Konflikt käme, wäre die globale Ölversorgung gestört, und die Preise würden deutlich steigen: „Derzeit spricht jedoch wenig dafür, dass es dazu kommt.“

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Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) äußerte sich ebenfalls zurückhaltend. Man halte an der eigenen Ölprognose von 65 bis 75 Dollar je Barrel fest, sagte ein Sprecher in Frankfurt. Auch sei es zu früh, die Folgen der Ölpreisanstiege für die Chemieindustrie abzuschätzen. Rohöl ist der wichtigste Grundstoff in der Branche.

US-Präsident Donald Trump genehmigte die Freigabe von nationalen Ölreserven im Falle von Engpässen. Er schrieb am Sonntagabend auf Twitter, ausgehend von dem Angriff, „der sich auf die Ölpreise auswirken könnte“, habe er – falls erforderlich – die Freigabe genehmigt. Die Menge habe er noch nicht festgelegt, aber sie werde ausreichend sein, „um die Märkte gut zu versorgen“. Die IEA in Paris sieht zunächst keine Versorgungsprobleme. Vorerst seien die Märkte gut mit reichlich kommerziellen Beständen versorgt.

Satelitenaufnahme der brennenden Anlagen in Abkaik.
Satelitenaufnahme der brennenden Anlagen in Abkaik.
- NASA Worldview

Der Ölexperte Hannes Loacker von Raiffeisen Capital Management (RCM) erwartet Auswirkungen für Autofahrer in Österreich erst „innerhalb von wenigen Tagen“. Die Schwankungen dürften aber nur in einer Übergangszeit wirksam sein. Aufgrund der fixen Mineralölsteuer schlage der Ölpreis nur etwa zur Hälfte auf den Benzinpreis durch. Auch der Fachverband der Mineralölwirtschaft verweist darauf, dass es heute viel zu kurzfristig sei, um Effekte beim Benzinpreis festzustellen.

Die Auswirkungen auf den deutschen Markt und für die Autofahrer hierzulande dürften sich nach Einschätzung des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV)in Grenzen halten. „Aus Saudi-Arabien kommt kaum Öl nach Deutschland – 2018 war es ein Prozent“, sagte ein Verbandssprecher der Deutschen Presse-Agentur. „Eine Engpass-Gefahr beim Öl besteht für Deutschland also nicht.“ An den Tankstellen sind die Auswirkungen der Börsenausschläge nauch och nicht eindeutig erkennbar. Zwar stiegen bis mittags die bundesweiten Durchschnittspreise für Diesel und Superbenzin E10 um ein bis zwei Cent gegenüber dem Vortag. Da die Tankstellenpreise täglich mehrmals verändert werden und im Tagesverlauf oft sinken, ist das aber noch keine belastbare Tendenz.

Die Aramco-Anlagen vor dem Drohnenangriff.
Die Aramco-Anlagen vor dem Drohnenangriff.
- AFP

Verteuert hat sich in Deutschland allerdings der Preis für Heizöl. So teilte der Messgeräte-Hersteller Tecson auf seiner Webseite mit, dass der bundesweite Durchschnittspreis für 100 Liter Heizöl (bei Abnahme von 3000 Litern, inkl. MwSt) sich um rund vier Euro von 66,60 auf 70,50 Euro erhöht habe. Das entspreche einem Anstieg von rund sechs Prozent.

Rückgang auf die Hälfte des Tagesvolumens

Am Samstagmorgen hatten mehrere Explosionen Anlagen des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco erschüttert. Nach Angaben von Saudi Aramco ist der Komplex in Abkaik die größte Raffinerie des Landes und die größte Rohölstabilisierungsanlage der Welt. Ersten Angaben zufolge führten die Angriffe zu einem drastischen Einbruch der Produktionsmenge. Die Ölproduktion sei um 5,7 Millionen Barrel auf etwa die Hälfte des üblichen Tages-Volumens zurückgegangen, hatte die staatliche saudische Nachrichtenagentur SPA berichtet. Das entspricht rund fünf Prozent des weltweiten Angebots an Erdöl. Die jemenitischen Huthi-Rebellen bekannten sich zu der Attacke und kündigten weitere Angriffe an. Trump drohte den Urhebern mit einem Vergeltungsschlag. US-Außenminister Mike Pompeo hatte am Samstag den Iran für die Angriffe in Saudi-Arabien verantwortlich gemacht. Washington und Teheran streiten sich ohnehin wegen des iranischen Atomprogramms. Teheran bestritt jegliche Beteiligung an den Drohnenangriffen.

Der Iran steht im Jemen auf der Seite der Huthis, die gegen die gewählte Regierung kämpfen. Diese wird von Saudi-Arabien unterstützt, einem engen Verbündeten der USA. Seit 2015 fliegt eine Allianz unter Führung von Saudi-Arabien Luftangriffe auf die Rebellen. (dpa, TTT.com)