Letztes Update am Di, 29.10.2019 09:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kfz-Industrie

Autopapst Dudenhöffer für mehr China-Kooperation gegen Trump-Politik

Laut „Auto-Papst“ Ferdinand Dudenhöffer ließ US-Präsident Trumps Zoll- und Handelspolitik der weltweiten Automarkt auf Jahr einbrechen. Die EU-Autobauer würden E-Autos verbilligen, um CO2-Strafen zu vermeiden.

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Wien – Der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer tritt für eine engere Kooperation der europäischen Kfz-Industrie mit China ein, damit die globale Autobranche möglichst rasch aus dem von US-Präsident Donald Trumps Politik verursachten Tal herauskommt. China habe als weltgrößter Automarkt den Sektor jahrelang nach oben gezogen. „Wir brauchen China, und China wird wieder die Führungsrolle übernehmen.“

Der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer
Der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer
- dpa/Thissen

Die Politik sollte sich öffnen und stärker den Kopf zerbrechen über eine faire Zusammenarbeit mit den Chinesen, die bis hin zu gemeinsamen Forschungsprojekten reichen könnte, sagte der Experte am Montagabend in Wien am Rande eines Vortrags zur APA. Vor wirtschaftlichen Hegemoniebestrebungen Chinas müsse Europa keine Angst haben, „man ist immer so stark oder wenig gefährdet, wie man sich aufstellt“. Auch das Seidenstraßen-Projekt Pekings sieht Dudenhöffer positiv. Das sei „ein Mittel, um Handel zu betreiben und kein Kriegsinstrument“.

Trump kostet Autoindustrie 750 Milliarden Euro

Mit dem Zoll- und Autoindustrie Handelskrieg gegen China habe US-Präsident Trump am Welt-Pkw-Markt einen Knick nach unten bewirkt. Erstmals seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor einem Jahrzehnt habe es hier einen Einbruch gegeben, allerdings sei der Abschwung nach „Lehman“ geringer gewesen, sagte der Autoexperte in einem Vortrag auf Einladung des WKÖ-Bundesgremiums für den Fahrzeughandel und des Vereins „Mein Auto“. Früher habe die Autokonjunktur immer im Schlepptau der Gesamtkonjunktur reagiert – dieses Mal sei es anders: Der Einbruch des Weltautomarkts habe einen Konjunkturabschwung ausgelöst, argumentiert der Fachmann.

Ohne den Konflikt hätte der Weltmarkt von 84,4 Millionen Pkw 2017 (davon 24,2 Millionen allein in China) bis zum Jahr 2025 kontinuierlich auf 87,7 Millionen Stück pro Jahr (davon 25,2 Millionen in China) weiterwachsen können, ergibt sich aus den Charts des an der Uni Duisburg-Essen tätigen „Autoprofessors“. So aber gehe durch die von Trump bewirkte Delle ein Umsatz von 750 Milliarden Euro – resultierend aus kumuliert 35 Millionen Pkw weniger in diesem Zeitraum – verloren. „Die Chinesen werden das vielleicht die nächsten tausend Jahre nicht vergessen“, so Dudenhöffer.

Hohe Strafzahlung für Europas Autobauer

In Richtung Elektroauto steuert das weltgrößte Autoland China rasant um, rascher als alle anderen. Dudenhöffer verwies dazu auf die dortigen E-Auto-Quoten von 10 Prozent für 2020, 20 Prozent für 2025 sowie 40 Prozent für 2030 – „und möglicherweise 60 Prozent 2035“. In Europa gehen die Uhren dagegen anders, hier mühe sich die Branche ab, um überhaupt die EU-Abgasvorgaben zu erreichen, damit sie von Strafzahlungen verschont bleibt. Ab 2020/2021 gilt nämlich beim Flottenverbrauch das neue CO2-Ziel von 95 Gramm CO2 pro Kilometer, und ab 2022 drohen laut Dudenhöffer „ab dem dritten Gramm zu viel“ auch tatsächlich Strafen.

Die deutschen Autobauer und auch ein Großteil der europäischen Konkurrenz werden diese Vorgaben wohl nicht erreichen. Bleibt es beim heutigen Modell- und Verkaufsmix, muss die gesamte europäische Autoindustrie laut einer Auswertung des britischen Marktbeobachters Evercore ISI Research im Jahr 2021 insgesamt rund 21 Milliarden Euro Strafe zahlen. Allein der VW-Konzern müsste 3,8 Milliarden Euro berappen, BMW und Daimler jeweils 2,7 Milliarden, hatte vorige Woche die „Frankfurter Rundschau“ (FR) geschrieben.

Dudenhöffer schließt nicht aus, dass die Autobauer, um nicht in Strafzahlungen hineinzuschlittern, E-Autos deutlich billiger abgeben werden. Bestimmte Elektroautos und Hybride könnten im Einzelfall einen Wert von 10.000 Euro an entgangenen CO-Strafzahlen darstellen, rechnete der Experte vor. „Man könnte also bis zu 9.500 Euro Rabatt geben.“ Auf der anderen Seite würden die Hersteller massiv daran arbeiten, ihre Lohnkostenanteile zu drosseln - bei Opel laute das Ziel auf 10 Prozent, heute seien es 13 Prozent. Und bei VW liege der Lohnkostenanteil bei 17 Prozent. Aber „hoffentlich bekriegt man sich nicht bis aufs Messer und es gehen dann die sozialen Vereinbarungen verloren“, sorgt sich Dudenhöffer.

Selbstfahrende eher bei Nutzfahrzeugen

Bei Elektro-Antrieben würden sich Brennstoffzellen und Plug-Ins im Pkw-Sektor wohl nicht durchsetzen, meint Dudenhöffer, allenfalls bei Lkw oder Bussen. Die Plug-In-Hybride seien „zu unökonomisch“, würden zwar noch verkauft, aber irgendwann auslaufen. Auch „der Acht-Zylinder mit dem Kabel dran“ werde nicht funktionieren, die Stückzahlen seien schon stark zurückgegangen.

Sogenannte „Roboter-Autos“, also „fahrerlose“ Autos, würden „doch nicht so schnell“ kommen, wie noch vor einiger Zeit gedacht, „und doch nicht so intensiv und vielleicht auch nicht im Pkw-Sektor“, sondern bei Nutzfahrzeugen. Car-Sharing spricht der Experte aus heutiger Sicht wenig Zukunftschancen zu: Der Erfolg sei bisher marginal – auf Deutschlands Straßen seien 47,1 Mio. Pkw unterwegs, davon 20.200 (oder 0,04 Prozent) Car-Sharing-Fahrzeuge.

Dem als neuen Chef des deutschen Verband der Automobilindustrie (VDA) gehandelten früheren SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel streut Dudenhöffer Rosen. Er sähe darin „eine gute Lösung für den VDA“, sagte der Experte auf APA-Anfrage: „Gabriel ist gewohnt zu kämpfen, er ist politisch gut vernetzt und hat auch keine Angst vor Konflikten.“ Der Spitzenposten wird vakant, nachdem VDA-Chef Bernhard Mattes im September überraschend seinen Rücktritt mit Jahresende angekündigt hatte - Gabriel gilt laut Medienberichten als Favorit für die Nachfolge. (APA)