Letztes Update am Do, 11.12.2014 11:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Markt

Das große Zittern: Ölpreis-Absturz bringt US-Energiefirmen in Not

Der Schiefer-Boom lässt die US-Ölindustrie noch auf Hochtouren laufen, aber der Preisverfall des Rohstoffs wird für Firmen zunehmend zum Problem. Frisst die Fracking-Revolution, durch die Energie so günstig wurde, ihre Kinder? Der Branche droht eine Pleitewelle.

Arbeiter an einer Fracking-Anlage in den USA.

© REUTERSArbeiter an einer Fracking-Anlage in den USA.



Von Hannes Breustedt, dpa

New York - Nach dem Ölrausch folgt der Kater. Der Fracking-Boom hat im US-Bundesstaat North Dakota Einöden zu Goldgruben und Bauern zu Millionären gemacht. Doch nun müssen etliche Firmen um ihre Zukunft und Arbeiter um ihre Jobs bangen.

Der Preisverfall wird zur Existenzprobe: Verbilligt sich Öl weiter, wird die Produktion für viele Unternehmen zu einem Minusgeschäft. Wer zu viele Schulden aufgenommen hat, um am Boom teilzunehmen, kann einpacken. Experten sprechen von einem Überlebenskampf.

North Dakota ist das Symbol einer industriellen Revolution, die Amerikas Energieabhängigkeit vom Ausland drastisch verringert und die Machtverhältnisse an den Ölmärkten massiv verschoben hat: Fracking - eine Fördertechnik, bei der tiefliegendes Gestein angebohrt und das dort lagernde Schiefergas und -öl mithilfe von Chemikalien gelöst wird. Dank der ökologisch höchst umstrittenen Praxis fördert Amerika wieder so viel Öl wie seit den 1970er-Jahren nicht mehr.

Paradebeispiel: Harold Hamm

Am Öl-Tycoon Harold Hamm, einem der größten Fracking-Profiteure, lässt sich die Entwicklung gut nachvollziehen. Aufgewachsen in einer ärmlichen Bauernfamilie, gründete er 1967 die Firma Continental Resources und schnappte sich als erster die Pachtverträge des Bakken-Ölfelds in North Dakota, wo heute aufgrund des Schiefer-Booms mehr Öl produziert wird als in der Prudhoe Bay in Alaska. Das Magazin „Forbes“ schätzt sein Vermögen auf acht Mrd. Dollar (6,46 Mrd. Euro).

Zuletzt ging es für Hamm jedoch steil nach unten - nicht nur wegen eines teuren Scheidungsstreits mit der Ex-Frau. In den letzten drei Monaten stürzte die Aktie seines Konzerns um über 55 Prozent ab, das entspricht etwa zwölf Mrd. Dollar an Börsenwert. Der Fracking-König hat seine Milliarden allerdings bereits gemacht und dürfte der Zukunft seiner Branche deshalb zumindest gelassener entgegensehen als viele andere Unternehmer.

„Nur die Stärksten werden überleben“, meinen die Experten des Analysehauses Energy Aspects. Da etablierte Ölmächte wie Saudi-Arabien die Produktion nicht kürzen wollen, um ihre Marktanteile gegenüber den USA zu verteidigen, wird die Weltwirtschaft mit billigem Rohöl überschwemmt. In den letzten sechs Monaten ist der Preis pro Barrel (159 Liter) um etwa 40 Prozent gesunken, zuletzt lag er nur noch knapp über 60 Dollar - so tief wie zuletzt vor fünf Jahren.

Konzerne reagierten bereits

Die Öl-Industrie muss ihre Business-Pläne neu aufstellen. Laut Energy Aspects rechnen sich mindestens zwölf Prozent der globalen Produktion bereits zu aktuellen Preisen nicht mehr. Und viele Analysten sagen voraus, dass es noch weiter bergab geht - laut der Großbank Morgan Stanley auf bis zu 53 Dollar im nächsten Jahr. „Gewinne werden vernichtet, ab Mitte 2015 gehen die Investitionen zurück“, sagte Binky Chadha, Chefstratege der Deutschen Bank, am Mittwoch in New York.

Großkonzerne haben bereits reagiert. Am Montag kündigte das US-Unternehmen ConocoPhillips an, die Investitionen 2015 um 20 Prozent zu kappen. Der britische Ölkonzern BP gab bekannt, in den nächsten Monaten Jobs abzubauen. Die Branchenriesen Halliburton und Baker Hughes fusionieren, um Kosten zu senken. Für kleinere Firmen kann der Druck schnell unerträglich werden - besonders wenn sie ein höheres Preisniveau brauchen, um Schulden tilgen zu können.

Für die breite Bevölkerung ist das billige Öl hingegen gut. Ein Preisrückgang um fünf Dollar sorgt für einen Anstieg des Wirtschaftswachstums um etwa 0,1 Prozent, besagt eine Faustregel unter Ökonomen. Je günstiger das Öl, desto geringer sind die Produktionskosten in der Industrie. Verbraucher haben mehr Geld übrig, weil sie weniger für Benzin und Heizen ausgeben. Der Ölpreisrutsch wirkt wie eine gigantische Steuersenkung und stützt die Konjunktur.