Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 07.12.2015


Landeck

Flüchtlinge starten Lehrlingskarriere

Vier Asylwerber haben heuer im Bezirk Landeck eine Lehrstelle im Tourismus begonnen. In der Wirtschaftskammer und im AMS wird das begrüßt. In vielen Branchen gibt es derzeit einen Lehrlingsmangel.



Von Matthias Reichle

Landeck – Sie kommen aus Krisengebieten, sprechen kaum Deutsch und haben eine ungewisse Zukunft als Asylwerber – das alles hat Simone Domenig nicht abgeschreckt. Die Chefin des 4-Stern-Superior Schlosshotels in Fiss nahm heuer vier junge Asylwerber aus Syrien und Afghanistan im Betrieb auf. Drei von ihnen haben im Herbst eine Lehre als Koch bzw. Hotel- und Gastgewerbeassistent begonnen.

Dabei habe sie selbst die Initiative ergriffen, berichtet die Hotelierin mit der sozialen Ader. Sie war dank Medienberichten auf das Thema aufmerksam geworden. Bisher habe sie es nicht bereut – „ich würde es jederzeit wieder tun“, erzählt sie.

Die jungen Männer zwischen 18 und 23 Jahren wohnen nicht nur im Betrieb, sie erhalten dort auch dreimal pro Woche Deutschunterricht von ehrenamtlichen Helfern.

Elf Flüchtlinge hatten sich für die Stellen beworben, so Domenig. Drei wollte sie nehmen, bei den Bewerbungsgesprächen hat man dann einen Vierten dazugenommen. Einer der Afghanen, die inzwischen in Fiss leben, ist noch zu traumatisiert, um eine Lehre zu beginnen, betont sie. Er brauche noch Zeit. Ein Problem sei die Sprache. Sie hofft deshalb, dass man von der Berufsschule einen Aufschub bekommt.

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Das Schlosshotel ist mit diesem sozialen Projekt derzeit nicht allein, auch das Arlberghospiz hat einem Flüchtling eine Lehrstelle gegeben. Der Bezirk Landeck sei hier Vorreiter, betont der Asylkoordinator im Oberland, Helmuth Schöpf, der gemeinsam mit Nationalrätin Lisi Pfurtscheller Tourismusbetriebe in den Bezirken Landeck und Reutte über die Rahmenbedingungen informiert hatte. Bereits im vergangenen Jahr eröffnete sich für einen jungen Asylwerber im Bezirk Landeck die Möglichkeit, eine Lehre als Installateur zu beginnen – die Tiroler Tageszeitung berichtete. Für die Asylwerber sei das doppelt wertvoll. „So können sie die Zeit nutzen und haben eine Ausbildung. Sonst sind sie später nur der Hilfs-Tschaggl.“

Ein Erlass des Sozialministerums besagt, dass Asylwerber unter 25 Jahren in einem Beruf, in dem es mehr Lehrstellen als Lehrstellensuchende gibt, eine Ausbildung beginnen können.

Für AMS-Bezirksstellenleiter Günther Stürz ist es sogar ein „Erfordernis“, dass junge Asylwerber auch am Arbeitsmarkt integriert werden. Man müsse froh über dieses Potenzial sein. „Vor allem im Tourismus, wo es einen großen Mangel gibt, ist es perfekt.“ Eine Nachfrage nach Nachwuchs gebe es fast in allen Branchen, so Stürz. Aktuell hat er 137 offene Lehrstellen gemeldet, für die sich keine Jugendlichen gefunden haben.

„Es ist gescheit, dass man Flüchtlingen eine Perspektive gibt. Eine Möglichkeit ist als Lehrling, da bei uns ohnehin alle suchen“, betont Wirtschaftskammer-Geschäftsführer Thomas Köhle. „Integration wird wohl nur funktionieren, wenn wir den Hilfesuchenden auch die Möglichkeit einer Beschäftigung bieten. Ein schnelleres Erlernen der Sprache wäre sicherlich auch gegeben“, erklärt er.

„Es wäre auch wichtig, dass Flüchtlinge nach ihrer Ausbildung und ihren Fähigkeiten befragt bzw. getestet werden und analog ihren Fähigkeiten in kürzester Zeit unseren Betrieben zur Verfügung stehen.“ Er würde sich wünschen, dass den Asylwerbern „grundsätzlich alle Lehrberufe offenstehen sollten. Für unseren Bezirk Landeck gibt es den Mangel an Lehrlingen in fast allen Lehrberufen und Lehrbetrieben.“