Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.12.2015


Exklusiv

Crowdfunding: Tourismus will Gäste anzapfen

Wenn Banken keinen Kredit geben, können Touristiker Gäste zu Investoren machen, meint Crowd-funding-Experte Reinhard Willfort. Einige tun das bereits. Die Tourismusbank pusht Schwarmideen.

© thomas boehm



Von Nina Werlberger

Innsbruck — Immer mehr Unternehmer sammeln für ihre Projekte Geld von Kunden, Freunden und Investoren ein. Auch Tiroler Chefs und Jungunternehmer versuchen zunehmend, ihre „Crowd" anzuzapfen, seit das neue Alternativfinanzierungsgesetz im September in Kraft getreten ist. Allerdings ist die Schwarmfinanzierung hierzulande nach wie vor ein Randphänomen. „Wir haben noch extrem viel Luft nach oben", erklärt Crowdfunding-Experte Reinhard Willfort im TT-Gespräch.

„Wir haben noch extrem viel Luft nach oben“, Reinhard Willfort 
(Crowdfunding-Experte).
- Willfort

In Tirol ortet er insbesondere im Tourismus Crowdfunding-Chancen. Gerade für Betriebe mit einer „eher finanzschwachen Basis" würden sich alternative Finanzierungen anbieten, meint der Berater, Autor und Universitätslektor. Dabei gehe es nur zum Teil um die Finanzierung, also ums Einsammeln von Geld für neue Lifte oder Saunalandschaften. Die Touristiker könnten sich über soziale Netzwerke auch Ideen holen und ihre Gäste zu „Markenbotschaftern" machen, empfiehlt der Experte.

Gerade für Klein- und Mittelbetriebe gebe es viele Möglichkeiten, ihre Kunden besser zu erreichen als bisher. Allerdings eignen sich die Instrumente des Crowdfundings (siehe hier) nicht für jeden Typus Wirt: „Wenn jemand mit Transparenz wenig am Hut hat, tut er sich schwer", bemerkte Willfort. Firmendaten als „heiligen Gral" zu hüten, das funktioniere beim Crowdfunding nicht. Auch brauche ein erfolgreicher Schwarmfinanzierer eine gute Geschichte, die er verpacken und den potenziellen Investoren verkaufen kann: „Bei Themen, die schwer zu verstehen sind, wird das schwierig."

Neben Touristikern sieht der Fachmann auch kleine regionale Unternehmen als potenzielle Crowd-Gewinner — so könnte etwa die Kundschaft respektive Crowd eines vom Aussterben bedrohten Dorfbäckers dabei helfen, dessen Überleben zu sichern. Denn zwei Drittel der Crowd-Investoren hätten andere Motive als eine möglichst große Rendite: „Viele haben soziale Motive."

Dass Crowdfunding in Österreich im Kommen ist, steht für den Experten außer Frage. Allerdings fließen im EU-Schnitt laut einer Studie aktuell 6,1 Euro pro Kopf in derartige Investitionen, in Österreich seien es lediglich 40 Cent pro Kopf. EU-weit führend sei das Vereinigte Königreich mit 36 Euro pro Kopf. Der neue Crowdinvesting-Fachausschuss in der Wirtschaftskammer schätzt, dass heuer deutlich mehr als 5 Mio. Euro an Crowd-Kapital eingesammelt werden. 2014 waren es 2,4 Mio. Euro, 2013 erst 613.000 Euro.

Der aktuelle Wandel bei den Banken, die mit einem vielfach unrentablen Privatkundengeschäft, steigenden Kosten und Jobabbau beschäftigt sind, spielt den alternativen Finanzierungsmodellen in die Hand. „Wo Banken nichts mehr tun können, werden sich alternative Modelle durchsetzen", ist Willfort überzeugt.

Dass die heimischen Touristiker gerne ihre Gäste als Ideenlieferanten und Investoren anzapfen wollen, zeigt auch eine Aktion der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank (ÖHT). Sie veranstaltet derzeit einen Ideenwettbewerb mit der Frage: „Was wären spannende Projekte und Modelle für die heimische Tourismus- und Freizeitwirtschaft, in die auch Sie weniger oder mehr investieren würden?" Bundesweit probieren etliche Betriebe das Crowdfunding derzeit aus — jüngst startete das Thermenhotel Kurz in Lutzmannsburg etwa eine Kampagne, bei der Investoren die Zinsen als Gutscheine ausbezahlt werden.

Ein Ort, wo Hoteliers ihr­e Geldgeber treffen können, ist etwa die Plattform hotel-crowdfunding.com. Ins Leben gerufen haben sie der Kärntner Hoteleinrichter Furnirent und die Crowdfunding-Plattform Conda. Hier investieren die Kunden beispielsweise in die Renovierung eines Hotels und bekommen dafür Gutscheine für das jeweilige Haus.