Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.12.2015


Stubaital

Liftprojekt in Neustift: Zwischen Aufbruch und Untergang

Unter enormem Interesse der Bevölkerung wurde beim TT-Forum über die Bahn von Neustift in die Schlick diskutiert. Plan B hat die Gemeinde keinen, die Kritiker befürchten ein Vordringen in das Schutzgebiet.

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© Andreas Rottensteiner / TT



Von Denise Daum

Neustift i. St. – Die Stubaierinnen und Stubaier lässt das Liftprojekt nicht kalt: Rund 350 Zuhörer füllten beim TT-Forum am Mittwochabend den Saal im Freizeitzentrum Neustift bis zum letzten (Steh-) Platz. Mit Leidenschaft, aber sehr sachlich diskutierten Bürgermeister Peter Schönherr, Schlick-Chef Martin Pittl sowie die Projektgegner Michael Stern und Wilfried Connert vom Alpenverein Stubai über die geplante Zubringerbahn von Neustift in die Schlick.

Von einer Talstation zwischen Neder und Neustift soll über eine Mittelstation im Bereich der Kaserstattalm das Sennjoch mit einer Einseil­umlaufbahn erreicht werden. Von dort aus ist ein Skiweg in die „Goldsutten“ geplant, wo Pistenfläche vorgesehen ist. 13 Prozent mehr Skifläche soll die Schlick dadurch erlangen. So weit die Projektvorstellung von Martin Pittl, der auch Geschäftsführer der neu gegründeten Errichtergesellschaft ist. Mit den Grundbesitzern gibt es allerdings noch keine Einigung – weder mündlich noch schriftlich. Die Wirtschaftlichkeit der Bahn, ein Gemeinschaftsprojekt von Schlick, Stubaier Gletscher und TVB Stubai ist, sei von mehreren Experten bestätigt worden – auch ohne Realisierung des Brückenschlags, also der Verbindung Schlick – Axams über das Ruhegebiet Kalkkögel, erklärte Pittl.

Der Lift, betonte BM Schönherr, sei enorm wichtig für Neustift, das als einziger Tourismusort ohne Zugang zu einem richtigen Skigebiet sei. „Wir müssen schauen, dass wir wirtschaftlich weiterkommen, Arbeitsplätze absichern und Wertschöpfung generieren.“

Er sei für den Tourismus, aber klar gegen dieses Seilbahnprojekt, betonte Stern: „Weil es ein schlechtes Projekt ist: Es gibt keinen Dorfeinstieg, die Skiflächen sind lediglich Ziehwege und geben qualitativ nichts her. Zudem fehlt das Entscheidende: die Talabfahrt.“ Stern will vielmehr, dass in den Elfer – auf der gegenüberliegenden Talstation – investiert wird.

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Auch wenn die Bahn weder bestehende Schutz- noch Ruhegebiete berührt, spricht sich Alpenvereinsvorsitzender Wilfried Connert gegen das Projekt aus. Er hält es nicht nur für „unnötig“, sondern sieht darin auch einen „Brückenpfeiler für den Brückenschlag“. Mittels „Salamitaktik“ würde versucht werden, „Schutzgebiete zu knacken“.

Das Publikum beteiligte sich eifrig an der Diskussion mit Fragen und Statements. So auch Robert Span, Bergführer und Skilehrer mit jahrzehntelanger Erfahrung, der zu bedenken gab, dass der Einstieg in das Skigebiet über das Sennjoch für Anfänger und Kinder kaum zu bewältigen sei. Pittl verwies darauf, dass es bereits eine blaue (sprich leichte) Abfahrt vom Sennjoch gebe und auch der geplante Skiweg in dem durchaus steilen Gelände zur Mittelstation so angelegt werde, dass ihn Anfänger befahren können.

TVB-Obmann Sepp Rettenbacher fand klare Worte: „Die Wertschöpfung in Neustift ist unterm Hund. Wir müssen endlich was unternehmen.“ Für den TVBler reicht die Zubringerbahn mit den geplanten Pistenflächen allerdings nicht aus. Er stellte unumwunden klar, dass das Ziel sei, auch den Kleinen Burgstall – der im Schutzgebiet liegt – zu erschließen. „Da macht man gar nichts kaputt, das muss doch möglich sein.“ Das war natürlich Wasser auf die Mühlen der Projektgegner. „Zuerst die Bahn, dann noch eine Piste und noch ein bisschen und so weiter. Es wird nie Ruhe sein“, warnte Connert.

Auch Gebi Mair, Klubobmann der Grünen und gebürtiger Stubaier, meldete Bedenken ob der Schutzgebiete an. Er fragt sich, wie für das geplante Projekt eine Lawinenverbauung ohne Verletzung des Schutzgebiets möglich sei. Mair bekräftigte das Angebot des Landes, einen Naturpark zu installieren. „Die Schutzgebiete werden im Stubaital nicht genutzt. Einen Naturpark kann man super vermarkten“, betonte Mair. „Augenauswischerei“ für den Bürgermeister. „Ein Naturpark ist eine reine Marketinghülle. Ich kann damit im Schutzgebiet auch nicht mehr anfangen.“

Herauszuhören unter den zahlreichen Wortmeldungen war auch immer wieder, dass in der Schlick „etwas passieren müsse“ und es „qualitative Verbesserungen“ brauche. Auch ein Ausbau rund um die Galtalm wurde mehrmals gefordert. „Natürlich“ denke die Schlick über Erweiterungen nach. „Wir können aber nicht jedes Jahr eine neue Bahn bauen. Wenn wir nun die erste Etappe realisiert haben, werden wir so schnell wie möglich weitere Optimierungen angehen“, versprach Pittl.

Franz Pfurtscheller von der Wegbringungsgemeinschaft erklärte, dass von der Mehrheit der Mitglieder keine Zustimmung für die Benutzung der Wege erteilt werde. Die braucht es für den Bau der Bahn, wenn auch eine ungleich aufwändigere Alternativlösung möglich wäre.

Abschließend drängte Michael Stern auf eine rasche Entscheidung, „langsam wird es mühsam und gesellschaftlich immer heikler“. Bürgermeister Schönherr erklärte in seinem Schlusswort, dass es keinen Plan B gebe, sollte die Bahn nicht gebaut werden. Das letzte Wort haben die Grundbesitzer.