Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 03.08.2016


Tirol

Tirols Firmen fehlen bis 2030 fast 40.000 Fachkräfte

Der Fachkräftemangel wird sich in Tirol zuspitzen. Betroffen sind alle Regionen und Ausbildungsniveaus, zeigt ein neuer „Fachkräftemonitor“ auf.

© iStockphotoBesonders brenzlig wird der Fachkräftemangel im Tiroler Tourismus. Hier kann 2030 wohl jede fünfte Stelle nicht besetzt werden.Foto: iStock/ stockyimages



Innsbruck – Der Fachkräftemangel wird sich in Tirol in den kommenden Jahren drastisch verstärken. Betroffen werden alle Bezirke und alle Ausbildungsniveaus sein. Diese Erkenntnisse liefert ein neuer „Fachkräftemonitor“. Er ist ein Vorhersage-Werkzeug für den Tiroler Arbeitsmarkt, den das Land Tirol und das Arbeitsmarktservice Tirol (AMS) Dienstag vorgestellt haben.

Das Programm kann ausrechnen, in welchen Branchen, Berufen und Regionen in den kommenden Jahren die meisten Mitarbeiter fehlen werden. Die ersten Ergebnisse prophezeien einen drastischen Trend: Demnach mangelt es der Tiroler Wirtschaft aktuell an etwa 8000 Fachkräften. In 14 Jahren sollen es 39.000 sein – und zwar querbeet vom Pflichtschulabsolventen bis zum Akademiker. „In jeder Qualifikationsstufe wird sich der Fachkräfteengpass bis 2030 verstärken“, sagte Sandra Hofmann vom deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR, welches das Programm entwickelt hat.

Besonders zuspitzen wird sich die Lage im Tourismus. 2030 wird den heimischen Hoteliers, Wirten, Seilbahnern und Co. demnach bereits jede fünfte Fachkraft fehlen. Allein im Unterland sollen der Tourismusbranche dann 3000 qualifizierte Mitarbeiter weniger zur Verfügung stehen als heute. Im Gesundheits- und Sozialwesen bleibt der Berechnung zufolge 2030 jede siebte Stelle unbesetzt. Und Verkehrsunternehmen, Handel und Dienstleister werden mittelfristig mehr als jede zehnte Stelle nicht besetzen können.

Der Grund für die wachsende Lücke: Obwohl die Bevölkerung in Tirol in den kommenden Jahren wachsen wird, schrumpft die Zahl der Bürger im erwerbsfähigen Alter, weil die Menschen älter werden. Blickt man mit dem „Fachkräftemonitor“ weiter in die Zukunft, so wird die Zahl der 20- bis 65-Jährigen bis zum Jahr 2060 um zehn Prozentpunkte schrumpfen. Dann werden zwar über 102.000 Personen mehr im Land leben als heute (2060: 842.000), aber die Zahl der potenziell Erwerbstätigen wird dann um etwa 17.500 geringer sein als jetzt (aktuell: 462.900). Die Zahl der Lehrstellen wird außerdem sinken.

Verschont bleibt vom verschärften Fachkräftemangel voraussichtlich kein Tiroler Bezirk: Während heute etwa im Oberland noch eine ausgeglichene Lage am Jobmarkt herrscht und in Osttirol sogar ein Überschuss an Fachkräften vorhanden ist, so zeichnet sich bis 2030 ein Engpass in allen Regionen ab, so Hofmann.

Land und AMS wollen den „Fachkräftemonitor“ nützen, um ihre Arbeitsmarkt-Strategien zu analysieren, besser abzustimmen und (Weiter-)Bildungsangebote anzupassen. Bei den Bürgern soll das Werkzeug das Bewusstsein für das Problem schärfen. Wer eine Ausbildung beginnt, soll sich mit dem Tool über zukünftige Chancen informieren können. Online ist es gratis unter www.fkm-tirol.at aufrufbar. Allerdings verweist Hofmann darauf, dass die Qualität der Prognose nur für drei Jahre „sehr gut“ sei – danach würden nur „Szenarien“ geliefert. Eines der Ziele des Programms sei auch, mit Fakten „die Fachkräfte-Diskussion zu entemotionalisieren“, fügt Hofmann an.

Gespeist wird das Vorhersage-Programm (die Einführung wurde 2015 mit der Fachkräfte­offensive beschlossen) mit den Daten des AMS sowie mit Konjunkturumfragen von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung. Für drei Jahre zahlen Land und AMS dafür „knapp unter 100.000 Euro“. In Deutschland, Nieder- und Oberösterreich wurde das Programm bereits installiert. (wer)