Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.11.2016


Bezirk Imst

„Der Begriff Tourismus sollte abgeschafft werden“

Am Top Mountain Crosspoint wurde vorgestern über „gar nicht absurde Zukunftsszenarien“ im touristischen Kontext philosophiert.

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© Daum



Von Hubert Daum

Obergurgl, Hochgurgl – Was wäre, wenn wir den Tourismus abschaffen würden? Was wär­e, wenn jedes Baby 100 Jahre alt wird? Was wäre, wenn ein großer Anteil der so genannten Touristen nicht mehr aus dem Westen kommt? Diese im ersten Moment absurden Fragen stellte Kultjournalist Hanno Settele dem Zukunftsforscher Harry Gatterer und dem Psychiater und Psychotherapeuten Michael Lehofer. Unter dem Formatnamen „What if?“ soll in Obergurgl jährlich eine „Denk-Reise zu gar nicht absurden Zukunftsszenarie­n“ im touristischen Kontext stattfinden. Die Auftaktveranstaltung vorgestern mit geladene­n Gästen stieß auf enormes Interesse.

„Wird ein Wiener vor der Oper vom Pseudo-Mozart zum abendlichen Klassik-Konzert eingeladen, zuckt er mit dem Hinweis, er sei doch kein Tourist, entsetzt zusammen“, veranschaulicht Trendforscher Harry Gatterer mit einem Beispiel. „Weil der Begriff Tourismus, der eine ganze Industrie beschreibt, auch identitätsstiftend auf den Anwender wirkt, müssen wir diesen Begriff abschaffen.“ Wenn niemand ein Tourist sein will, brauche es auch keinen Tourismus. So könne der Touristiker zum „Lebensqualitätsoberbeauftragten“ oder zum „Super-Heimat-Inspektor“ werden. Michael Lehofer ergänzte: „Niemand will ein Objekt sein, sondern Subjekt. Wir müssen im Tourismus persönlicher werden und auf Beziehungen setzen.“

Beim angedachten Szenario, was wäre, wenn jedes Baby 100 Jahre alt wird, erinnert Gatterer, dass jetzt schon jedes zweite Baby die magische Altersmarke von 100 erreicht. „Wer soll das bezahlen“?, fragt Hanno Settele in journalistischer Rationalität. Lehofer, der auch Mediziner ist: „Die Hälfte der medizinischen Kosten werden im letzten Lebensjahr verbraucht.“ Es werde eine Generation der jungen Alten geben, Altsein müsse neu definiert werden. „Das Altern ist Kopfsache und Illusion, wer das bezahlt, ist eine unpassende Frage.“ Die beendet geglaubte Diskussion über den demographischen Wandel fange laut Gatterer erst an: „Das Miteinander, die Wirkung der Wirtschaft, die Verteilung des Geldes oder die Idee des Wohnens sind neu zu definieren. Es werden Innovatione­n entstehen, die jetzt noch nicht vorstellbar sind.“

Kaum vorstellbar ist auch die These, dass künftig drei Viertel der Gäste nicht mehr aus dem Westen kommen. Der Trendforscher: „2035 wird es so sein, dass 75 Prozent der Menschen, die sich mindestens einmal im Jahr eine Reise mit dem Flugzeug leisten können, nicht aus der individualistischen, westlichen Welt stammen, sondern aus einer kollektivistischen Kultur. Auf diese Bedürfnisse muss sich der Tourismus einstellen.“ Allerdings stelle sich die Frag­e, wie viel von der Gästewelt muss ein Hotel bieten. Lehofer: „Tirol muss erkennbar bleiben, nur die Authentizität kann uns retten.“ Auch Gatterer sieht eine Grätsche zwischen authentisch und fremdkulturell. Die Diskussionen über das „diskutierbare Unmögliche“ folgten im Auditorium, das sich an diesem Abend als Querdenker fühlte.

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