Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 05.07.2017


Standort Tirol

Für mehrere „Klassen“ in der Kammer

Wenn die Sozialpartnerschaft versage, müsse die Politik flexiblere Arbeitszeiten durchsetzen, verlangt Tirols Wirtschaftskammer-Spitze.

WK-Vize Manfred Pletzer (links) und Jürgen Bodenseer.

© WK TIrolWK-Vize Manfred Pletzer (links) und Jürgen Bodenseer.



Von Alois Vahrner

Innsbruck – Mit 1. Juli trat Manfred Pletzer die Nachfolge von Oswald Mayr als Vizepräsident der Wirtschaftskammer Tirol an (weitere Vizes sind Martin Felder, Martina Entner und Barbara Thaler). „Wir haben das Reißverschlusssystem schon“, sagte WK-Präsident Jürgen Bodenseer in einem gemeinsamen Pressegespräch mit Pletzer. Ein Indiz, dass ihm der Unterländer zu seinem avisierten Rücktrittstermin als Kammerchef nachfolgen könnte, sei das nicht, betont Bodenseer. Er habe diese Aufgabe (Schwerpunkt Industrie und Finanzen) nach einiger Überlegung übernommen, strebe aber keine Ämter an, so Pletzer.

Einig sind sich Präsident und Neo-Vize in ihren Forderungen nach umfassenden Reformen bei Rahmenbedingungen für die Wirtschaft, in der Verwaltung und auch in der Kammer selbst. „Österreich ist leider kein unternehmerfreundliches Land“, sagt Pletzer. Das eineinhalbmal so große Bayern etwa habe eine einzige Stelle für alle Förderungen. In Deutschland seien vielleicht Kündigungen schwieriger als in Österreich, es gebe aber weit größere Möglichkeiten etwa für flexibles Arbeiten.

Dass es jüngst zwar zum Mindestlohn von 1500 Euro ab 2020 eine Einigung gab, nicht aber zu dringend benötigten flexibleren Arbeitszeiten, sei leider kein gutes Zeugnis für die Sozialpartnerschaft. Es sei doch klar: „Ich muss heuen, wenn Sonne ist, also arbeiten, wenn Aufträge da sind“, betont Pletzer. Wenn die Sozialpartner nicht fähig seien, hier etwas zustande zu bringen, dann müsse eben die Politik selbst entscheiden, so die beiden Kammerchefs. Für Pletzer ist „die Sozialpartnerschaft alter Prägung vorbei“. Die Sozialpartner müssten als Team für Unternehmer und Beschäftigte arbeiten und „alte Zöpfe“ abschneiden, sagt Bodenseer.

Auch die bisherigen Kammer-Reformen gehen Bodenseer und Pletzer nicht weit genug, auch wenn Tirol etwa ab 2019 jährlich mit drei Mio. Euro weniger auskommen müsse. „Von unseren Einsparungen werden die Mitglieder nichts negativ spüren.“ Bodenseer kann sich künftig quasi eine Mehrklassengesellschaft in der Kammer vorstellen: Formen, die mit höheren Beiträgen quasi Vollkasko haben (also alle Leistungen beziehen können), andere mit Teilkasko und andere nur mit einer Grundversorgung (und jeweils möglichen Aufzahlungen). Wie in der öffentlichen Verwaltung sei zu fragen, ob in Österreich „alles mit dem Faktor 10 und bei uns mit allen Fachvertretungen sogar noch viel mehr“ Sinn mache. Da habe man noch einen weiten Weg vor sich.