Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.08.2017


Wohnen

Junge fallen in Tirol aus dem Markt für Wohnungseigentum

Leistbares Zuhause dringend gesucht: Der häufig verzweifelte Ruf nach günstigem Wohnen stellt Land und Gemeinden vor immer größere Probleme. Viele Versuche, den Markt zu beeinflussen, scheitern kläglich.

© TTViele Angebote auf dem Wohnungsmarkt.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck — Jedes Jahr das Gleiche: Wie immer suchen Studenten noch kurz vor Semesterbeginn nach einer freien Unterkunft, einem Zimmer in einer WG. „Das Gerangel um die besten leistbaren Wohnungen ist sehr groß", sagt Dominik Berger, Vorsitzender der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) der Uni Innsbruck. Wer jetzt noch nichts gefunden hat, tut sich mitunter sehr schwer. Ein paar Wochen oder auch Monate bei Freunden auf der Couch zu schlafen — für viele ist das nichts Ungewöhnliches.

Dabei ist das Angebot recht groß — „die derzeitigen Marktverhältnisse machen es attraktiv, leere Wohnungen Studenten zur Verfügung zu stellen. Damit lässt sich viel Geld verdienen", so Berger. Für Junge, die bereits ins Erwerbsleben starten oder eine Familie gründen möchten, werde die Situation dadurch aber noch schwieriger. „Um gegenzusteuern, braucht es weitere Studentenheime, höhere Förderungen und mehr öffentliche Initiativen für Billigwohnungen." Steht genügend günstiger Wohnraum zur Verfügung, seien auch die Privatvermieter gezwungen, ihre Preise zu senken.

„Die Politik hat es verabsäumt, rechtzeitig Maßnahmen zu treffen, damit Wohnen in Tirol leistbar bleibt", kritisiert der Innsbrucker Immobilientreuhänder Arno Wimmer. Die Möglichkeit dazu hätte bestanden — etwa bei der Höhe der Grundkosten. Aber auch zusätzliche Bauauflagen lassen die Preise steigen.

Doch solange die Nachfrage höher ist als das Angebot, werden diese ohnehin nicht sinken: „Wir haben in Tirol ein überproportionales Haushaltswachstum", so Wimmer. Die Entwicklung trifft vor allem junge Leute, für die meisten ist Eigentum — ohne Hilfe der Eltern — heute unerschwinglich. Sie müssen sich eine Wohnung mieten, doch auch diese Kosten steigen.

„Bei Verkäufen spielt eher die mittlere bis ältere Schicht eine Rolle", sagt auch Philipp Reisinger, Obmann der Fachgruppe Immobilien- und Vermögenstreuhänder in der Wirtschaftskammer. „Junge Leute mieten eher."

Amtsvorstand Ronald Depaoli, bei der Stadt Innsbruck für den Bereich Wohnen zuständig, spricht von einer „sehr schwierigen Situation" für die Jungen. Die Wartelisten für städtische Wohnungen seien lang, die Situation werde sich — auch wenn es einige Baumaßnahmen gebe — noch weiter verschärfen.

Robert Ortner von der Abteilung Raumordnung des Landes bezeichnet die Situation im Hauptsiedlungsraum von Telfs bis Kufstein als „sehr angespannt". „Für die 20- bis 30-Jährigen ist es heute verdammt schwierig, bei diesen Preisen in Schwung zu kommen." Daran wird sich auch nichts ändern, das zeigt der prognostizierte Bevölkerungszuwachs in Tirol. Laut Vorhersage der Österreichischen Raumordnungskonferenz ÖROK zählt Tirol, das über die geringsten Grundreserven verfügt, zu den Bundesländern mit dem höchsten Zuzug pro Jahr.

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Anlegerwohnungen: Wer es sich leisten kann, verkauft leer stehende Wohnungen nicht. Viele warten wegen der ständig steigenden Preise einige Jahre ab, um dann einen größeren Gewinn zu erzielen. Wohnraum ist eine gute Wertanlage. Für den Wohnungsmarkt bedeutet das jedoch eine weitere Verknappung des Angebots.

Reine Investition: Viele Wohnungen stehen leer.
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Airbnb: „Das Angebot trägt zur Verknappung des Wohnungsmarkts bei — wenn auch derzeit nur geringfügig", sagt der Immobilientreuhänder Arno Wimmer. Er rechnet allerdings mit einer Zunahme des Angebots — für viele Vermieter sei es lukrativer, ihre leer stehenden Wohnungen zeitlich begrenzt zur Verfügung zu stellen. Hier sei die Politik gefragt, geeignete Maßnahmen zu setzen, so wie das in vielen großen europäischen Städten der Fall ist.

Vermietung auf Zeit ist für viele einträglicher.
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Studentenleben: Erschwingliche Wohnungen in Uni-Nähe sind rasch vergeben, oft noch am gleichen Tag. Das macht die Suche für Studierende etwa aus Osttirol, dem Außerfern oder Südtirol besonders schwer. Mit Spannung wird derzeit die Reaktion des Wohnungsmarkts auf die Neuregelung der Mietzinsbeihilfe erwartet — „ob die Preise runtergehen oder die Studenten auf den Kosten sitzen bleiben", wie ÖH-Vorsitzender Dominik Berger befürchtet. Die Förderung hatte dazu beigetragen, dass die Mieten angestiegen waren — „viele Vermieter haben sie 1:1 dazugerechnet". Er geht davon aus, dass — auch wenn die Beihilfe nun wegfällt — die Preise trotzdem hoch bleiben. Die ÖH bietet auf oehweb.at eine Wohnungsbörse an und warnt Suchende, eine Kaution nur an seriöse Vermieter im Voraus zu bezahlen. Betrüger nützen die prekäre Situation aus.

Die Studenten kommen! Doch viele haben noch keine Bleibe gefunden.
- Tiroler Tageszeitung

Aktuelle Entwicklung: Wie viel auch gebaut wird: Der Bedarf ist immer höher als das Angebot. Pro Jahr wird in Tirol etwa eine Million Quadratmeter Baugrund gewidmet, doch dabei sind etwa auch Friedhofs­erweiterungen oder Kindergärten inbegriffen. In Tirol wird mit Ausnahme der Holzstadel und Bienenhäuschen alles gewidmet. Beim Wohnen ist Flexibilität gefragt: In entlegenen Tälern scheitern viele Initiativen des Landes und der Gemeinden, junge Leute anzulocken. Diese zieht es in die Städte, auch wegen der kurzen Wege. „Der Traum vieler vom Heim im Grünen wurde durch den Wunsch nach einer zentral gelegenen Wohnung ersetzt", berichtet Robert Ortner (Raumordnung Land Tirol). Daran änderte auch der Ausbau des Breitbands nichts — die Hoffnung, dadurch junge Kreative etwa im Pitztal anzusiedeln, erfüllte sich nicht.

Aus der Traum vom Eigenheim im Grünen: Viele Junge zieht es in die Städte.
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